Wulffs Erklärung : Richtige Rede, falsche Zeit

Christian Wulff wird also Bewohner des Schloss Bellevue bleiben. Vom Eindruck, dass er den moralischen Ansprüchen des Amtes nicht gewachsen ist, wird aber einiges haften bleiben. Was nun angebracht wäre, ist Demut.

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Christian Wulff bittet um Entschuldigung und bedauert die Kredit-Affäre.
Christian Wulff bittet um Entschuldigung und bedauert die Kredit-Affäre.Foto: dpa

Manche brauchen etwas länger. Christian Wulff hat lange, sehr lange gebraucht, bis er erkannt hat, was er da angerichtet hat. Zehn Tage sind ins Land gegangen, in denen der Umgang des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten mit echten und mit durchaus zweifelhaften Freunden tagtäglich die Schlagzeilen bestimmt hat. Zehn Tage lang waren das höchste Staatsamt und sein Inhaber in aller Munde – selbst bei den vielen Bürgern, die die Empörung über Urlaubsreisen und einen Privatkredit übertrieben fanden.

Zehn Tage hat der Bundespräsident gebraucht, um die richtigen Worte zu finden. Jetzt endlich hat Wulff sich und dem deutschen Volk wenigstens dies eingestanden: Was er getan, gesagt, vor allem aber was er nicht getan und was er verschwiegen hat, war mit dem Anspruch an sein Amt und an sich selbst zu keinem Zeitpunkt zu vereinbaren. „Das war nicht gradlinig“, sagt der Präsident.

So ist es. Besser wäre es gewesen, wenn das Eingeständnis nicht so lange auf sich hätte warten lassen. Die gleiche Erklärung am ersten, am zweiten, noch am dritten Tag dieser unerquicklichen Affäre, und die Sache wäre längst im Weihnachtstrubel untergegangen.

Natürlich wären Wulffs Kredite trotzdem seziert worden. Natürlich hätte er trotzdem seine Urlaubsreisen zu und auf Kosten von Freunden offenlegen müssen, die außer Freunden auch Geschäftsleute waren. Natürlich wäre auch so der Eindruck eines Politikers hängen geblieben, der anderen Moral predigt und selbst keinerlei natürliches Gespür dafür hat, wo die unvermeidliche Nähe eines Ministerpräsidenten zu Wirtschafts- und Gesellschaftsgrößen in Kumpanei umzuschlagen droht.

Das alles wäre ihm nicht erspart geblieben, und mit Recht, denn er hat Anlass gegeben zu Zweifeln und Nachfragen. Erspart geblieben wäre uns allen aber der Eindruck, dass da jemand eine der wenigen moralischen Institutionen des Landes sachte zugrunde richtet, weil er ihrem Anspruch nicht gewachsen ist.

Von diesem Eindruck wird einiges haften bleiben. Wulffs Umgang mit der Affäre war zu lange von kleinkrämerischem Geist geprägt. Er hat sich selbst auf ein Niveau begeben, auf dem die Auslegung von Absätzen in Erlassen zum Ministergesetz zum Thema wurde. Dabei ging es von Anfang an um viel schlichtere und zugleich viel größere Dinge: Anstand, Abstand, Achtung vor dem eigenen Amt, Selbstachtung. Nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig – wie wahr.

Ob Wulff diesen seinen Satz übrigens in seiner ganzen Bedeutung erfasst hat, ist noch schwer zu sagen. So weit ist er nämlich nicht gegangen, dass er sich für den distanzlosen Umgang mit jener hannoverschen Mischpoke entschuldigt hätte, über die wir dank seiner Hinhaltetaktik jetzt auch mehr wissen, als wir je wissen wollten.

Die Versicherung, keiner seiner Freunde habe sich durch Großzügigkeiten einen unberechtigten Vorteil verschafft, geht jedenfalls schon wieder knapp am Problem vorbei – politische Landschaftspflege, das wissen wir seit Flick, zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass zwischen Leistung und Gegenleistung keine direkte Beziehung besteht.

Christian Wulff wird also Bewohner des Schloss Bellevue bleiben. Bis er wieder Bundespräsident sein kann, also ein Mann, dem nicht nur das Protokoll Autorität und Respekt verleiht, das wird dauern. Demut, sagt man, kommt nach dem Fall. Es wäre die angemessene Geisteshaltung für einen, der knapp davor war, sich selbst um alles zu bringen.

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