Wulffs Rede in der Türkei : Heraus aus dem Schatten von Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazins Buch liegt über den deutsch-türkischen Beziehungen. Bundespräsident Christian Wulff hat bei seiner Rede vor dem türkischen Parlament das Buch nicht erwähnt - dennoch hat er sich damit beschäftigt.

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Vermutlich hat der Bundespräsident Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ gelesen, im Gegensatz zur Kanzlerin. Bei Horst Seehofer weiß man es nicht, er redet so, als habe er zumindest den Klappentext in der Ausschnittmappe gehabt. Aber gelesen oder nicht, das Buch beschäftigt die Bürger und die Politik, Sarrazin-Leser und -Nichtleser, und es liegt wie ein Schatten über den deutsch-türkischen Beziehungen. Christian Wulff hat bei seiner Rede vor dem türkischen Parlament das Buch mit keiner Silbe erwähnt, und dennoch hat er sich weitgehend damit beschäftigt, mit den Schlussfolgerungen aus „Deutschland schafft sich ab“, wie sie in Deutschland und in der Türkei gezogen werden.

Es gibt inzwischen zwei deutsche Migrationspolitiken vor Sarrazin und zwei deutsche Migrationspolitiken nach Sarrazin. Die Vor-Sarrazin-Politiken haben die Konflikte entweder verharmlost oder gedacht, sie ließen sich bei gutem Willen lösen. Die Nach-Sarrazin-Politik ist entweder eine Politik der kaltschnäuzigen Demontage oder eine der hilflosen Schadensbegrenzung. Die Demontagepolitik setzt unterschwellig den kleinen Prozentsatz der Migranten, die kriminell werden, sich der Integration verweigern und auf Kosten des Staates leben, mit der großen Mehrheit gleich, die friedliebende Bürger sind. Die Schadensbegrenzer stemmen sich beschwörend den Gleichsetzern entgegen und merken dennoch, dass Vernunft, in der Auseinandersetzung mit Wut, auf fast verlorenem Posten steht. Für Vernunft plädieren der deutsche Bundespräsident, der türkische Staatspräsident und der türkische Ministerpräsident. Auf der Gegenseite stehen Politiker wie Horst Seehofer, die einfach behaupten, ihre Meinung liege im Interesse der in Deutschland lebenden Menschen – so, als sei die andere Meinung gegen die Interessen der Menschen in Deutschland.

Wir sind in der Tat heute in Deutschland nahe an zerrütteten Verhältnissen, das immerhin hat Sarrazin geschafft. Zerrüttet nicht nur zwischen Migranten und den, nennen wir sie mal Ur-Deutschen, sondern unter diesen Ur-Deutschen selbst. Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei, und der Islam gehört zu Deutschland. Wer eines davon, oder beides, bestreitet, sät Unfrieden. So einfach und so schlimm ist das.

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