Meinung : Wut, die auf Zedern fällt

Die Demokratiebewegung in Libanon könnte auch Nachahmer in Syrien finden

Martin Gehlen

Das hat es im Nahen Osten lange nicht mehr gegeben. Nicht einmal 48 Stunden dauerten die Demonstrationen in Beirut, dann trat die pro-syrische Regierung zurück. Keine Polizeiaktionen, keine Massenverhaftungen, keine Ausgangssperre – in Libanon vollzieht sich auf Druck des Volkes bislang ein ruhiger und friedlicher Machtwechsel. Wird das zurückliegende Wochenende in dem kleinen arabischen Mittelmeerstaat das politische Gesicht der Region verändern? Beginnt in Libanon gar eine demokratische Zedern-Revolution, von der jetzt schon das amerikanische Außenministerium schwärmt?

Die Voraussetzungen sind in der Tat gut: Libanon zählt trotz syrischer Oberhoheit zu den freiesten und offensten Gesellschaften in der arabischen Welt. Die mediterrane Handels- und Bankennation hat eine freie Presse; die größten Verlagshäuser des Nahen Ostens haben hier ihren Sitz. Die Zivilgesellschaft ist gut entwickelt und die Demokratie in diesem ethnisch und religiös hochkomplexen Land funktioniert leidlich. Kein Wunder, dass viele Libanesen 15 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges die syrische Bevormundung und Militärpräsenz satt haben. Für sie ist der große Nachbar im Osten eine versteinerte Diktatur, reformunfähig und in absurder Weise militarisiert, die sich immer wieder mit neosowjetischer Brachialität in die inneren Angelegenheiten ihres Landes einmischt. Nicht zuletzt das Auftreten des syrischen Geheimdienstgenerals Rustom Ghasaleh, der ultimativ die Verlängerung der Amtszeit des pro-syrischen Präsidenten Emile Lahoud verlangte, hat die libanesische Bevölkerung empört. Auch sind die meisten inzwischen überzeugt, dass der Mordplan an Lahouds Gegenspieler Rafik Hariri von genau jenem verbohrten Generalsgehirn ersonnen wurde.

Die Mehrheit der maronitischen Christen, allen voran der Patriarch und Kardinal Nasrallah Pierre Sfeir, streitet seit Jahren öffentlich für ein Ende der syrischen Präsenz. Doch inzwischen folgen diesem Kurs auch viele wohlhabende Sunniten und die Drusen. Substantiellen Rückhalt haben die Syrer nur noch bei den Schiiten. Als ärmster und politisch schwächster Bevölkerungsteil verstehen sie Damaskus nach wie vor als ihre Schutzmacht. Auch wissen sie, dass die schiitische Hisbollah nur so lange ihren bewaffneten Sonderstatus im Land behalten wird, wie Syrien deren Aktionen gegen Israel als opportun ansieht. Würde Libanon dagegen die Hisbollah entwaffnen, wie es der ermordete Ex-Premierminister Hariri immer wieder gefordert hat, verlöre Syrien im Poker um die Rückgabe der Golanhöhen sein wichtigstes Druckmittel.

Und schließlich könnte ein unabhängiger Libanon sogar auf die Idee kommen, mit Israel ein separates Friedensabkommen zu schließen, Wirtschaftskooperationen zu suchen und einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen.

Für Damaskus jedenfalls häufen sich die schlechten Nachrichten. Will Syriens Präsident Assad die Spannungen nicht weiter anheizen, muss er seine Truppen in naher Zukunft komplett aus Libanon abziehen. Auch die USA rasseln mit dem Säbel, unter anderem wegen der schlecht bewachten Grenzen zum Irak, durch die immer neue Attentäter einsickern. Und nach dem jüngsten Selbstmordattentat in Tel Aviv deuteten erstmals Israel und die Palästinenserführung gemeinsam offen in Richtung Damaskus.

In dieser Situation bekommt der neue Konflikt vor der Haustür für die syrische Führung ganz besondere Brisanz. Denn eine wachsende libanesische Demokratiebewegung könnte auch in Syrien Nachahmer finden und nach 30 Jahren Familiendiktatur und Personenkult das ganze weltfremde Regime zum Einsturz bringen.

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