Meinung : Wut zur Hoffnung

Die Araber lieben die USA nicht – erwarten von ihnen aber eine Öffnung ihrer Gesellschaften

Clemens Wergin

Solidarität darf Saddam Hussein von seinen orientalischen Kollegen nicht erwarten. Zwar äußerten sich die Herrscher der arabischen Welt in den letzten Tagen kritisch über den Krieg. Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak machte aber vor allem den Irak für die Eskalation verantwortlich. Ansonsten herrscht Ratlosigkeit. Die Parole heißt: abwarten und hoffen, dass es nicht so schlimm wird.

Zwar hätten die Nachbarn des Irak nach der Entmachtung des Diktators ein Sicherheitsproblem weniger. Gleichzeitig fürchten besonders die moderaten Regime antiamerikanische Ausschreitungen. Und dass es Bush ernst meint mit der Demokratisierung. Auch die Öffentlichkeit ist gespalten. Einerseits wächst ihre Wut auf die USA und das, was sie als koloniales Projekt begreift. Andererseits hegen viele die Hoffnung, dass die Amerikaner doch Wort halten und die Regime zu mehr Liberalität drängen. Saudi-Arabien hat schon die Bereitschaft zu vorsichtigen Reformen signalisiert. Die Diktatoren wissen: Sie stehen unter Beobachtung. Ihre Untertanen hoffen, dass das zu einer Öffnung führt.

Den stärksten Druck spüren die „Schurken“ der Region, etwa Iran und Syrien. Beide nutzen Terrorgruppen als Mittel der Politik. Beide unterstützen die Hisbollah im Südlibanon, um die Grenze zu Israel unruhig zu halten. Zudem versuchen sie, über terroristische Gruppen Einfluss auf die Machtverteilung in Palästina zu nehmen. Ein Paradox: Im Innern dieser Regime herrscht eine von Militär und Geheimdiensten zementierte Friedhofsruhe. Mithilfe von Terroristen exportieren sie aber Instabilität in andere Staaten der Region. Das wollen die Amerikaner nicht mehr dulden.

Anzeichen für die neue Zeit sind im Libanon sichtbar, den Syrien kontrolliert. Syrische Soldaten rücken gen Süden vor, um mäßigend auf die Hisbollah einzuwirken, die tausende Katjuscha-Raketen gegen Israel in Stellung gebracht hat. Teheran versucht, mit den USA eine Einigung zu erzielen über die Rolle der Schiiten in einem befreiten Irak.

Gewalt ist ein Strukturelement des Nahen und Mittleren Ostens. Das Militär sichert die Grenzen – und die Herrscher vor den Beherrschten. So dürfte die Demonstration amerikanischer Entschlossenheit und Stärke ihre Wirkung nicht verfehlen. Bald werden sich die Staaten der Region an der neuen amerikanischen Macht am Golf ausrichten.

Schwieriger wird es, die Bevölkerung von der amerikanischen Mission zu überzeugen. Bisher haben die Amerikaner sich darauf beschränkt, die korrupten, aber ihnen freundlich gesonnenen Regime zu stabilisieren. Wollen sie den Kampf um die „arabische Seele“ gewinnen, müssen sie sich mehr Idealismus und weniger Pragmatismus leisten. Und das Experiment Irak zum Erfolg führen. Das heißt: Die Macht muss schnell und sichtbar an die Iraker zurückgegeben werden, um jeglichen Anschein von Kolonialismus zu vermeiden. Außerdem wird sich die ungeduldige Bush-Regierung auf ein langes Engagement und hohe Investitionen in die irakische Wirtschaft einstellen müssen.

Der Orient hat die panarabische, nationalistische Phase lange hinter sich. Auch der Islamismus ist seit Mitte der 90er auf dem Rückzug. Jetzt erhält vielleicht die Demokratie ihre Chance. Diese zu nutzen, bedarf es aber mehr als der Macht der US-Truppen.

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