Meinung : „You make a dead man come“

Axel Vornbäumen

Sexuell bin ich sehr befriedigt, finanziell einigermaßen okay und philosophisch gesehen bin ich noch auf der Suche, hat Mick Jagger einmal gesagt. Das ist zwar auch schon wieder 40 Jahre her – doch nach allem, was man weiß, ist an dem Satz allenfalls der Mittelteil nicht mehr ganz korrekt. Jagger, 62, inzwischen Ritter, Schlossbesitzer, immer noch Frontmann der Rolling Stones, siebenfacher Vater und affärenerprobt auf allen Kontinenten, hat es auf und jenseits der Bühne so oft knallen lassen, dass es über die Jahre a) zu einem dreistelligen Millionenbetrag auf seinem Konto gereicht hat und man ihm b) den Klassiker „I can’t get no satisfaction“ ohnehin nie so recht abgenommen hat.

Vielleicht war das ja der wahre Grund, warum die Sittenwächter beim US-Fernsehsender ABC auf den Zensurpiepston bei „satisfaction“ verzichteten, als die Stones Sonntagnacht vor einem TV-Millionenpublikum beim Superbowl in Detroit auftraten. Vielleicht hatten sie aber auch so etwas wie Rest-Respekt vor dem kulturellen Kollateralschaden, den sie angerichtet hätten, wenn sie in dem Song das Wort „satisfaction“ mit einem Störton belegt hätten – an guten Tagen singt Jagger schließlich bis zu 65mal davon, dass er keine Befriedigung findet. Wenn denn der Vergleich erlaubt ist – ein bisschen wäre das so, als wenn man bei Michelangelos David den … (das gebräuchliche doppeldeutige englische Wort dafür ist übrigens: cock) erneut verhüllte, falls denn jemand auf die Idee kommt, die Statue im Rahmenprogramm des Superbowl präsentieren zu wollen.

ABC-Zuschauer jedenfalls wurden vor verbalen Zweideutigkeiten bewahrt. Sowohl bei der Textzeile „But am I just one of your cocks“ (Rough Justice) als auch bei „You make a dead man come“ (Start me up) drückten in der Regie entsprechend textsichere Mitarbeiter rasch auf den Störknopf.

Jagger, in Sachen Provokation mittlerweile mit einer gewissen Altersmilde ausgestattet, wars dem Vernehmen nach egal. Und die „New York Times“ amüsierte sich milde über den allemal dialektischen Erfolg, dass es die Stones auch im höheren Alter mal wieder geschafft hätten, bei zwei von drei Liedern zu provokativ zu sein. Was wohl so viel heißen soll wie: Respekt, Ihr alten Säcke!

Wie hat Mick Jagger zu Beginn der 31. Welttournee im letzten Sommer gesagt? „Wenn man kreative Energie hat, dann spielt das Alter keine Rolle.“ Wahrscheinlich ist er sogar philosophisch mit sich im Reinen.

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