Meinung : Zehn Jahre Babel

Die Rechtschreibreform, die es nie hätte geben dürfen, soll nun abgesegnet werden

Moritz Schuller

Natürlich kann man morgens aufwachen und sich für Herkules halten. Natürlich braucht man dann einen Stall, den man ausmisten kann. Sich jedoch in einem Land, in dem die Misthaufen überall bis zur Decke reichen, gerade den Sprachstall auszusuchen, in dem es gar keinen Mist gibt – das hätte Herkules auch erst gewagt, nachdem er den Verstand bereits verloren hatte.

Die erste Lehre aus der Rechtschreibreform ist eine einfache. Der Amerikaner kennt sie schon, denn der sagt: „If it ain’t broken, don’t fix it“. Was nicht kaputt ist, sollte man nicht reparieren. Alles andere ist Zeitverschwendung. Die deutsche Sprache war 1996 nicht kaputt, als die Rechtschreibreform beschlossen wurde, sie hat erst durch diesen Beschluss gelitten. Zehn Jahre hat sich dieses Land mit dem Rückbau einer Reform beschäftigt, die nur deshalb nicht vollkommen zurückgenommen wird, weil sonst einige Sozialingenieure ihr Gesicht vollständig verlieren würden.

Die Reform ist missglückt. Denn das, was sie zu erreichen vorgab, eine Vereinheitlichung, wird es nicht geben. Das häufigste Wort in dem neuen Vorschlag des Rates für deutsche Rechtschreibung, der am Freitag endgültig abgesegnet werden soll, ist das Wort „auch“. Man kann etwas nun so schreiben, aber auch so. Zu hoffen, wie die brandenburgische Kultusministerin Johanna Wanka, dass wir damit „bald wieder eine einheitliche Rechtschreibung in Deutschland haben“, ist sinnlos. Fünf „endgültige“ Regelungen hat es seit 1996 gegeben, die Verlage sind zerstritten und die Zeitungen schreiben, wie sie wollen. Auch der Deutsche Elternrat – Kinder wurden ja stets als Opfer der Rückänderung ins Feld geführt – fordert weiterhin die alte Rechtschreibung. Klar ist allen nur das „dass“.

Wer an dem gesamten Prozess etwas Positives finden möchte, kann sich über das freuen, was der lange Widerstand gegen die ursprüngliche Reform erreicht hat; und darüber, dass es diesen Widerstand überhaupt gab.

Einer großen Mehrheit war die Debatte (und womöglich auch die Sprache) offenbar egal. Bei den Interessierten indes überwog am Ende die Zahl der Gegner. Zehn Jahre lang hatten einige reformbegeisterte Sprachwissenschaftler ein Land in Geiselhaft genommen. Der Widerstand gegen die Reform kam dagegen nicht von irgendwelchen akademischen Spinnern, sondern einer breiten Koalition von Sprachliebhabern, Schriftstellern und Laien.

Dass einer, der anfangs mitgetan hat, der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, nun sagt, er habe sich „mittreiben lassen“, wirft ein erschreckendes Licht auf die Entscheidungsprozesse in diesem Land. Auf Leute, die sich treiben lassen, und das ist die zweite Lehre, sollte man nie hören. Vor allem, wenn sie auch noch in der Minderheit sind.

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