Meinung : Zeichen und Zweck

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Die offene Wunde offen lassen. Ein Bettenhaus, kein luxuriöser Operationssaal. Was hat man, nach dem Debakel um Peter Zumthors fragile, überteuerte Stabwerkskonstruktion, zuletzt nicht alles gefordert für den Neubau auf dem Gelände der Topographie des Terrors. Und immer schwang im sparzwanghaften Berlin der Ruf nach Bescheidenheit mit, formuliert in Vokabeln, die nach Krankheit klingen, nach jenem gesellschaftlichen Trauma, das der Holocaust auch im 21. Jahrhundert bedeutet. Jetzt ist es der nüchterne Entwurf des Berliner Büros Heinle, Wischer und Partner geworden: so etwas wie jener „undekorierte Schuppen“, den Stiftungsdirektor Andreas Nachama sich am liebsten schon vor 13 Jahren gewünscht hätte – damals, als die unendliche Geschichte der Topographie-Baustelle begann. Am Ende siegt der Realitätssinn. Nächstes Jahr wird endlich gebaut, für den Rest des nach dem Bauskandal noch verfügbaren Geldes. Das ist gut – und enttäuschend zugleich. Neben der besonderen Architektur des Holocaust-Mahnmals und des Jüdischen Museums wird am zentralen, authentischen Ort der Erinnerung an die Täter kein Zeichen gesetzt. Kein Zeichen, das über die Stadt hinauswirkt und das besagt: Hier stand Himmlers Schreibtisch, von hier aus wurden monströse Verbrechen organisiert, die sich dem Begreifen und der Versöhnung auf immer entziehen. Die Chance ist nicht erst gestern vertan worden, mit dem Votum für den schwebenden Glaspavillon. Vielleicht entspricht es ja dem Unbehagen an der eigenen Geschichte, dass Berlin und Deutschland sich nun mit einem würdigen Zweckbau begnügen. chp

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