Meinung : Zeige mir deine Blumen, und ich sage dir, wer du bist

Von Pascale Hugues, Le Point

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Hebt die Köpfe und schaut hinauf zu den Berliner Balkonen. Ein jeder erschafft auf seinem am Himmel befestigten Hochsitz seinen vertrauten Heimatflecken. Die Südländer pflanzen ein Zitronen-, ein Oliven-, ein Lorbeerbäumchen, dazu Töpfe mit Thymian und Rosmarin, und schon ist ihre kleine Provence mitten im großen Norden Europas auferstanden. Die Heimat der Schwarzwälder liegt hinter einer Brüstung mit schmucken roten Geranien. Ich liebe die Geranien, ihren herben Geruch, ihre soliden Stämme, ihre Gier, allein und in alle Richtungen wachsen zu wollen. Doch in diesem Land gelten die Geranien als schrecklich spießig.

„Bei uns keine gelben und schwarzen Stiefmütterchen“, haben meine Söhne angeordnet. Ich staunte über ihren früh entwickelten Farbensinn, als die Erklärung auch schon nachgeliefert wurde: „Gelb und schwarz sind doch die Farben von Dortmund!“ Also habe ich himmelblaue Vergissmeinnicht und weiße Hortensien gepflanzt. Schließlich müssen wir Farbe zeigen: Wir sind ja Schalke-Fans!

Ein Balkon sagt eine Menge über seinen Gärtner aus. Halten Sie sich von Exemplaren fern, die an einen Friedhof erinnern! Ein halbes Dutzend Zwergeiben ist in regelmäßigen Abständen aufmarschiert. Mit ihrer Fantasielosigkeit deuten sie auf ein verkrampftes Wesen hin, das glaubt, das Leben bis ins Kleinste regeln zu können und die eigenen Gefühle völlig im Griff zu haben. Hüten Sie sich auch vor Balkonen, die wie Rumpelkammern aussehen! Zwar sind ihre Besitzer zweifellos praktisch veranlagt, doch das Träumen ist ihnen ein Fremdwort. Auf dem Balkon lagern sie ihre Bierkisten und Scheuerlappen. Diese anmutige himmlische Wiege ist zum Kabuff degradiert worden, auf dem höchstens noch ein banales Fleißiges Lieschen stehen darf.

Vermeiden Sie aber auch den Balkon eines Überängstlichen! Jeden Abend steigt er vier Etagen hoch, um sein Fahrrad 20 Meter über der Straße vor potenziellen Dieben zu schützen. Suchen Sie dagegen Balkone, auf denen Salbei, Tomaten, Minze, Schnittlauch wächst; die Tafel ist gut gedeckt, die Stimmung heiter.

„An Abenden, erhellt vom Widerschein der Glut,

An Abenden auf dem Balkon, ein rosa Leuchten.

Wie war dein Busen süß! Wie war dein Herz mir gut!

Von Dingen sprachen wir, die unvergänglich deuchten,

An Abenden, erhellt vom Widerschein der Glut“

heißt es in einem von Baudelaires schönsten Gedichten. In unserer Straße glaubt man sich an Sommerabenden in das MekongDelta versetzt. Auf den Balkonen leuchten Lampions in allen Farben. Gestreifte Markisen sind heruntergelassen. Der fette Rauch vom Grill vernebelt die Sicht, der Dampf von grünem Tee verdichtet sich zu duftenden Wölkchen. In der Dämmerung erheben sich gedämpfte Stimmen. Vertrauliche Geständnisse finden ihren Platz zwischen Engelstrompeten und Passionsblumen.

Der Balkon ist ein Refugium, ein paar Quadratmeter Freiheit im Herzen der Stadt: für die Raucher, für die Kaninchen, für die Wäsche, die so gut riecht, wenn sie in der Sonne getrocknet ist. Auf dem Balkon kann man Straße und Nachbarn sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Er ist ein Grenzbereich, nicht ganz drinnen, nicht ganz draußen. Ein zusätzliches Zimmer, das über den großen Kastanien schwebt.

Auf den Balkonen spielen sich auch ganze Zeremonien ab, auf ihnen stellen sich die Großen dieser Welt der Menge dar. Da ist der Ort der Leidenschaft, Julias Balkon in Verona. Oder der aufgedonnerte Balkon am Buckingham-Palast, der den gerührten Untertanen Ladys mit unmöglichen Hüten präsentiert, traurig winkende kleine Jungen mit alten Gesichtern, linkische Herren in Uniformen aus einer anderen Zeit. Vor langem wurde die Monarchie abgeschafft, in Berlin.

Der Berliner Balkon ist ein wahrhafter Revoluzzer, seine Mission ist republikanisch. Vom Balkon des Stadtschlosses rief Karl Liebknecht am 9. November 1918 die Revolution aus. Als einziger Teil des verabscheuten Schlosses entging dieser historische Balkon den Bulldozern der SED. Kennedy zog den Balkon des Schöneberger Rathauses vor, um seine Identität als Berliner zu beschwören. Im Übrigen ist es an der Zeit, die Tapferkeit dieses nicht besonders schönen, doch muskelbepackten Balkons zu preisen, der Helmut Kohl am 10. November 1989 so wacker trug und die Buhrufe der Menge so selbstbewusst hinnahm.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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