Meinung : Zeit für unkonventionelle Ideen

Selbst Experten wissen nicht mehr, wie Deutschland aus der Depression herausfinden kann

Hermann Rudolph

Sind wir eine Gesellschaft an der Grenze zur Resignation, wenn nicht zur Depression? Dass die Massenarbeitslosigkeit das Grundproblem dieser Gesellschaft ist, wissen inzwischen alle. Auch die Politik hat es längst begriffen. Die Regierung reformiert bis hart an den Punkt, an dem sie ihre Mehrheitsfähigkeit verliert, die Opposition zieht, mehr oder minder, mit, und selbst die Gewerkschaften haben mit bescheidenen Lohnabschlüssen zu diesen Anstrengungen beigetragen. Aber die Arbeitslosenzahlen sinken nicht, sondern steigen. Woran fehlt es? An richtigen Strategien? An der Bereitschaft zur Verständigung, weil jeder doch nur seine Interessen verteidigt? An Medien, die die Fürsprecher unbequemer Wahrheiten nicht sogleich niederkartätschen?

Doch einen richtigen, erbitterten Streit zwischen den Vertretern der unterschiedlichen Positionen gibt es auch nicht – Ratlosigkeit stimmt offenbar milde. Das ist die erste Erkenntnis, die das zweite Gespräch zu Tage fördert, bei dem auf Einladung der Frankfurter Universitätspräsidentin Gesine Schwan eine Runde aus Parteien, Verbänden und Hochschulen über einen gesellschaftlichen Konsens zum Thema Arbeit debattierte. Die zweite: dass das Problem nicht zuletzt in der Schwierigkeit besteht, das Thema zu treffen. Die einen reden von der Disparität von Globalisierung und nationalen Maßnahmen, der Verführung, sich von den großen Märkten abzuschotten, der Selbsttäuschung, die darin besteht, dass die Debatte immer nur über den industriellen Sektor geführt wird – also nur rund 20, 25 Prozent der Arbeitnehmer. Die anderen von der Überzeugung, dass man tiefer ansetzen müsse – bei der Frage, ob Arbeit alles ist, ob ein Leben jenseits von ihr zumindest gedacht werden müsste, ob Vollbeschäftigung überhaupt noch ein Ziel sein kann. Kommunikative Parallelgesellschaften. Die Debatte zerfasert.

Gibt es überhaupt noch Konzepte, um die Probleme zu lösen? Auch die Wirtschaftsexperten sind im Glauben an Strategien und Instrumente schwach geworden. Am ehesten wissen sie, was für die Wirtschaft falsch und schädlich ist. Selbst die Wissenschaft räumt ein, nur beschreiben zu können, welche Maßnahmen wie und unter welchen Umständen wirken könnten. Andererseits schafft die noch so kluge kulturkritische Reflexion über die Rolle der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft noch keinen Arbeitsplatz. Und leistet die berechtigte Debatte über die Möglichkeit und Grenzen der Vollbeschäftigung am Ende nicht nur der fatalen Folgerung Vorschub, das gesellschaftliche Ärgernis der Arbeitslosigkeit könne auf ein individuelles Problem reduziert werden?

Zwei Seiten, aber, natürlich, nur eine Medaille. Tatsächlich spiegelt sich in einer Diskussion wie diesem Konsensgespräch auch, wie sich quer durch nervende Hartz-IV-Debatten und tiefgründige Sinn-Suche die Erkenntnis Bahn bricht, dass Arbeitslosigkeit ein komplexes Thema ist, bei dessen Bewältigung ökonomische Konzepte und Mentalitätswandel zusammengehen müssen. Und dass bei ihrer Bekämpfung unkonventionelle Ideen und Wagemut eine größere Rolle spielen müssen als eine staatsgläubige Gesellschaft bislang für möglich gehalten hat.

Die Frage ist nur, ob wir die Kraft aufbringen, das Umsteuern und Umdenken zusammenkommen. Denn die Ergebnislosigkeit der bisherigen Anstrengungen setzt die Politik mehr und mehr unter Zugzwang und bringt die Gesellschaft in eine Gefahrenzone. Es steigt der Pegel der Demotivation und zugleich die Bereitschaft, an massive staatliche Interventionen zu denken, weil uns sonst eines Tages unser System um die Ohren fliegen könnte. Vielleicht ist es ja kein Zufall, sondern ein Symptom, dass die Erinnerung an Theodor Roosevelts New Deal im krisengeschüttelten Amerika der 30er Jahre gegenwärtig so viel Interesse findet.

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