Zeitungsschließung : Murdoch will ein anderes Projekt retten

Wie tief der Sumpf der Abhör- und Bestechungsvorgänge um die "News" ist, hat ihr Eigentümer Rupert Murdoch durch sein opulentes Bauernopfer deutlich gemacht. Die Zeitungsschließung ist auch die Geste eines Weltmedienakteurs, der mächtig genug ist, für das nächste Geschäft eine ganze Zeitung zu opfern.

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Auf Murdoch und Berlusconi passt ein etwas angestaubter Begriff, der vom Medientycoon. In beiden Fällen steht die Frage, was Rückzug und Niederlage bedeuten für ihre Hinterlassenschaften in Großbritannien und Italien. Die Ära Berlusconi hat dramatisch verändert, was man gemeinhin „die demokratische Öffentlichkeit“ nennt, die zur Demokratie gehört wie Wahlen und Parlamente. Nicht anders zeigt der britische Zeitungsskandal das Versagen einer funktionierenden öffentlichen Kontrolle.

Berlusconi ist die Personifizierung einer von Medien dominierten Demokratie. Nicht ein Politiker, der sich medial inszeniert und mithilfe der Massenmedien Debatten und Entscheidungen manipuliert, sondern ein Unternehmer, der die Politik instrumentalisiert, um sein Medienimperium auszubauen. Je länger das lief, desto weniger war er auf die Reglementierung von konkurrierenden Zeitungen oder Journalisten angewiesen. Denn die Allgegenwart seiner Medien verwandelte Skandale, Events und Bunga-Bunga in die wichtigsten Themen von öffentlichem Interesse, in Ersatzpolitik. Berlusconis Medien haben aus Italien eine Zerstreuungsgesellschaft gemacht, die seine Macht wieder und wieder sicherte, weil ein politischer Diskurs chancenlos geworden war. Das wird sein Erbe sein, wenn er 2013 abtritt.

Das ehrwürdige Großbritannien ist von ähnlichen Erscheinungen so heftig infiziert, dass der konservative Premier David Cameron ankündigt, das Verhältnis von Politik und Medien gänzlich neu zu ordnen. Der Skandal um die kriminellen Praktiken der Boulevardzeitung „News of the Word“ ist allerdings schon mehrere Jahre alt. Und zunächst hatte der Premier den schwer kompromittierten Andy Coulson erst zu seinem Sprecher und dann zum Kommunikationschef seiner Regierung gemacht. Da war Coulson als Chef von „News“ längst gefeuert worden. Im Januar musste er vom Regierungsamt zurücktreten.

Wie tief der Sumpf der Abhör- und Bestechungsvorgänge um die „News“ ist, hat ihr Eigentümer Rupert Murdoch durch sein opulentes Bauernopfer deutlich gemacht. Am Sonntag erscheint das Blatt zum letzten Mal, eine Zeitung, die 168 Jahre alt und mit 2,6 Millionen Exemplaren zu den meistverkauften im Königreich zählt. Deutlicher kann ein Schuldbekenntnis nicht ausfallen, aber rücksichtsloser kann man auch kaum demonstrieren, dass niemand diesen Eigentümer zur Verantwortung ziehen kann. Murdoch will ein anderes Projekt retten, den Satellitensender BskyB. Die Zeitungsschließung ist auch die Geste eines Weltmedienakteurs, der mächtig genug ist, für das nächste Geschäft eine ganze Zeitung zu opfern.

Der Einfluss von Murdochs Medien auf die Politik ist legendär. Ob Tony Blair oder Cameron – Nähe und Gunst der Massenblätter waren für ihre gewieften Spindoctors und Wahlstrategen von großer Bedeutung. Die Massenmedienmacher sind wichtiger geworden als die Massen, das Volk, das von einer Entscheidung, Richtung, Wahl überzeugt werden muss.

Die Italiener geben ihren Nachbarn Rätsel auf, weil Berlusconi so unverwüstlich zu sein schien. Doch wir sollten nicht zu hochmütig sein. Politik als Brot-und- Spiele-Geschäft, das lauert in allen alten Demokratien, die man heute Mediendemokratien nennt. In harmloseren Varianten werden sie überall getrieben von einer skandalisierenden Medienwelt und regiert von Politikern, die sich nicht mehr zutrauen, Menschen von politischen Entscheidungen zu überzeugen.

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