Meinung : Zensur durch Öffentlichkeit

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Von Hellmuth Karasek

Der Suhrkamp Verlag hat entschieden. Martin Walsers "Tod eines Kritikers" soll erscheinen und zwar möglichst schnell, vorgezogen auf den 26. Juni.

Das ist die einzig mögliche, die richtige Entscheidung. Nachdem in der letzten Woche Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „FAZ“, in einem Offenen Brief begründet hatte, warum er den Vorabdruck ablehne, entzündete sich eine heftige Debatte um das Buch, dem Antisemitismus vorgeworfen worden war. Nur wenige "Auserwählte" und "Eingeweihte" – sozusagen Geheimpriester des Unaussprechlichen – kannten den Text, der Autor und das Lesepublikum waren ohnmächtige, ja entmündigte Zuschauer dieses tobenden Medienspektakels.

Diesem Zustand sollte, musste schnell ein Ende gesetzt werden, und selbst Marcel Reich-Ranicki, Opfer und Hass(liebe)-Gegenstand des Romans, plädierte nicht gegen eine Veröffentlichung an sich, nur gegen eine im Suhrkamp Verlag. Das ist verständlich und nachvollziehbar, für Suhrkamp wäre es aber nicht realisierbar gewesen - es sei denn, der renommierte Verlag hätte einen seiner ältesten und renommiertesten Autor ebenso vorverurteilen wollen wie die Öffentlichkeit. Walser gehört als Studienfreund Siegfried Unselds und als der wichtigste lebende deutschsprachige Suhrkamp-Schriftsteller zum Bestand und Selbstverständnis des Verlages. Selbst, wenn das Buch der "Ausrutscher" sein sollte, für den es viele halten, ist Walser durch seine Biografie und seine Bücher, durch sein Ansehen und seine öffentliche Rolle, davor geschützt, vom Lesepublikum weggesperrt zu werden. Salopp ausgedrückt: Ein Autor vom Range Walsers blamiert sich auf eigene Rechnung und Kappe.

Anders als Schirrmacher für die "FAZ", der den Mitarbeiter und prägenden "FAZ"-Gestalter Reich-Ranicki zu Recht vor einem Walser-Vorabdruck zu schützen hatte, muss es in unserem literarischen Leben möglich sein, dass sich jeder selbst sein Urteil bildet.

Eine "Zensur" – und eine Nichtveröffentlichung wäre nichts anderes – darf und muss es nicht geben, es sei denn, das Buch verstieße eklatant gegen Paragraphen und moralische Gesetze. Man mag das Buch ablehnen, weil es literarisch nicht auf der Höhe Walsers sei, man mag manches als degoutant empfinden – eine Nichtveröffentlichung hätte ihm unterstellt, was ihm beim bösesten Willen nicht zu unterstellen ist.

Bleibt zu hoffen, dass die vorauseilende Diskussion in ihrer Hitzigkeit und Schärfe die Sinne aller am Lesen und der Literatur Interessierten und Teilhabenden geschärft hat, so dass sie mit der Lektüre eine Probe aufs Exempel machen können. Wir brauchen beide: den in den Tod gewünschten Kritiker und den aus der Öffentlichkeit gewünschten Text. Damit auch endlich klar wird: Walsers Buch hat mit Möllemanns Unsäglichkeiten nichts, aber auch gar nichts zu tun.SEITE 3

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