Meinung : Zieht Serbien den Diktator zur Rechenschaft?: Wenn Tyrannen nicht ganz stürzen

Christoph von Marschall

Die erlösende Nachricht von der Verhaftung in der Nacht zum Sonnabend - sie stimmte nicht. Auf diesen Tag hatten die Angehörigen der Toten und die überlebenden Opfer der vier Balkankriege so sehr gewartet: den Tag, der die Aussicht eröffnet, dass Slobodan Milosevic sich verantworten muss für seine Mitschuld an Zehntausenden ausgelöschten Menschenleben, den Massenvertreibungen und Vergewaltigungen, dem Massaker an Moslems in der UN-Schutzzone Srebrenica, den zerschossenen Dörfern und Städten, den zerstörten Kirchen, Moscheen und weltbekannten Sehenswürdigkeiten von Vukovar über Dubrovnik bis Sarajevo.

Er war doch längst gestürzt. Seit der Revolution im vergangenen Herbst, seit der Erstürmung des Belgrader Parlaments durch das Volk hatte Milosevic offiziell keine Macht mehr. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, dass er vor Gericht kommt. Die neue Regierung argumentierte, erst sollten sich die Gemüter beruhigen, damit kein Bürgerkrieg ausbricht zwischen den Anhängern des alten und denen des neuen Systems. Erst wollte sie ihre Macht festigen und die serbischen Republikwahlen gewinnen.

Das ist gelungen - und doch scheiterte nun der Zugriff. Auch wenn Milosevic in einem neuen Anlauf festgenommen werden sollte, bleibt der Eindruck: Die Regierung kann ihr Gewaltmonopol nicht unbedingt durchsetzen. Oder wollte sie es nicht? Sie hat doch die Hoheit über die Polizei und der neue Präsident Kostunica den Oberbefehl über die Armee. Milosevic wurde in seiner Villa zunächst von gerade zwei Dutzend Bewaffneten verteidigt. Kein unüberwindbares Hindernis, wenn man einen Schwerverbrecher unbedingt ergreifen will, tot oder lebendig. Jetzt strömen seine Anhänger herbei, um ihn zu schützen.

Macht ist eben mehr als die formale Befehlsgewalt über die Sicherheitskräfte. Die verspätete serbische Revolution hat Milosevic nur halb gestürzt, sie hat ihm seine Ämter genommen, nicht aber seinen Mythos ausgelöscht. Bis heute ist er nicht öffentlich delegitimiert worden. In den Augen der meisten Serben mag er sich bereichert und Wahlen gefälscht haben - einen Kriegsverbrecher möchten sie nicht in ihm sehen. Irgendwie waren alle schuld: auch die Kroaten, die Bosnier, die Kosovo-Albaner. Milosevic hat doch nur nationale Interessen verteidigt.

Die demokratische Regierung hat wenig getan, um dieses Bild zu ändern. Sie hielt den einfachen Weg auch für den sicheren. Sie fürchtete, sich zu viele Feinde zu machen, wenn sie Milosevic den Prozess macht - Feinde auch in den Funktionseliten, auf die sie selbst angewiesen ist: Polizei, Armee, der Staatsapparat.

Zum Taktieren kommen Überzeugungen. Auch in der Regierung sagen viele, nicht nur der nationale Flügel: Milosevic ans Kriegsverbrechertribunal ausliefern - das hieße ja, eine serbische Schuld an den Kriegen einzugestehen. Belgrad will dem Druck der USA nicht nachgeben, das Gesicht nicht verlieren und doch die internationale Aufbauhilfe behalten. Deshalb der halbherzige Zugriff, deshalb die Suche nach dem Kompromiss: wenn vor Gericht, dann nur in Serbien.

Höchste Zeit, dass die Demokraten begreifen: Sie müssen Milosevic aburteilen, um selbst zu überleben. Dies ist keine Nebensache, die man aufschieben kann, sondern der Kern der Machtfrage nach einer Diktatur. Entweder wird der Tyrann ganz gestürzt oder er bleibt lebendig und erlebt eine Renaissance. Ganz stürzen: Das muss nicht, wie bei den Ceausescus 1989 in Rumänien, standrechtliches Erschießen heißen. Dem Diktator muss aber sein Mythos genommen werden, seinem System die Legitimation. Den Serben muss klar werden, wie nach 1945 den Deutschen: Das Vergehen des Tyrannen bestand nicht darin, dass er Kriege verloren hat, sondern darin, dass er sie angezettelt und wie er sie geführt hat. Er ist auch Schuld am Tod vieler Serben und am Elend seines Volkes.

Dem System muss der Prozess gemacht werden: nicht wegen Wahlfälschung und Korruption, sondern wegen der Kriegsverbrechen. Auch im Interesse der Demokraten. Anders lässt sich ihr Autoritätsverlust und die Renaissance der Milosevic-Partei nicht verhindern. Die Verhaftung kann nur ein erster Schritt sein. Am Ende muss er nach Den Haag. Es sei denn, er richtet sich selbst, wie andere Tyrannen vor ihm.

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