Meinung : Zittern vor dem Kick

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Von Bernd Matthies

Heute Nachmittag ist alles vorüber. Ob Deutschland gewinnt oder verliert, ist fast schon egal, weil ja das Erreichen des Finales allein einen Erfolg darstellt, den nur komplett verbohrte Optimisten erwarten durften. Die mit Spott überhäuften teutonischen Rumpelfüßler haben sich selbst übertroffen, und der altbekannte Reflex des Auslands ließ nicht lange auf sich warten: Die Deutschen sind humorlos, selbstquälerisch und pessimistisch, hieß es, aber wenn es ums Ganze geht, dann stehen sie Schulter an Schulter und nützen die winzigste Chance. Im Fußball – oder auch sonst?

Gerhard Schröder und Edmund Stoiber haben zwei lange Flüge nach Japan und zurück nicht in erster Linie deshalb auf sich genommen, weil es im Stadion so angenehm ist, sondern weil sie dem ebenso nahe liegenden wie unbeweisbaren Glauben anhängen, dass der Fußball, Gradmesser und Impulsgeber gleichermaßen, eine Art politisches Wunder bewirken kann: den Stimmungsumschwung in der deutschen Bevölkerung. Kanzler wie Kandidat möchten auf keinen Fall verpassen, wie sich der Geist von Yokohama erhebt, wie Oliver Kahn im Flug jenen Ruck initiiert, den Roman Herzog im Stehen nicht zu Stande zu bringen vermochte.

Ein einziges Tor, ein verschossener Elfmeter womöglich sollte über die wirtschaftlichen Perspektiven eines aufgeklärten Industrielandes entscheiden? Das klingt befremdlich, aber auch nicht unsinniger als andere ökonomische Theorien. In Frankreich haben Wissenschaftler nach dem WM-Sieg 1998 einen Wachstumsgewinn gemessen; ebenso sicher scheint, dass sich die Konjunkturlage in Deutschland bessern wird, wenn nur alle Beteiligten endlich positiv in die Zukunft blicken und das vorhandene Geld auch ausgeben, den irrationalen Käuferstreik beenden.

Überdies scheint es, als habe sich die gesamte ökonomische Entwicklung Deutschlands auf den Termin des Endspiels in Japan fokussiert. Die unmittelbaren Wirkungen des 11.September scheinen überwunden, die hysterische Debatte über den „Teuro“ ist einer realistischen Betrachtung gewichen, und die europäische Gemeinschaftswährung hat viel Boden gut gemacht gegen den lange übermächtigen Dollar; die meisten Experten sind sich überdies einig, dass die prinzipiellen Voraussetzungen für einen Aufschwung gegeben sind.

Nur die Initialzündung fehlt, der psychologische Kick, der aus einer vagen Hoffnung den festen Glauben an bessere Zeiten macht. Warum nicht der Fußball? Eine Handvoll Männer hat uns gezeigt, dass leidenschaftlicher Kampf alle negativen Stimmungen überwinden kann, und dieser Kampf hatte nicht einmal erkennbare Nebenwirkungen. Denn die gefürchteten deutschen Hooligans sind so wenig in Erscheinung getreten wie ihre Gesinnungsgenossen aus England oder Belgien. Und in Deutschland selbst scheint das türkische Vorbild Schule zu machen, was eine gewisse Leichtigkeit im Triumph angeht: Fröhliche Autokorsos und Fahnenschwenken waren früher hier zu Lande nicht so verbreitet, und das gemeinsame Erleben von Sieg oder Niederlage – wie im Sony-Center – erst recht nicht. Diese Leichtigkeit ist ein bemerkenswertes Indiz der Besserung.

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