Meinung : Zögern für Deutschland

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Wer hätte das gedacht – Edmund Stoiber, einstmals das „blonde Fallbeil“, wie ihn Freund und Feind fast ehrfurchtsvoll nannten, zeigt sich aller Welt als Zögerer. Da wird ihm eines der wichtigsten politischen Ämter dieser Tage angetragen, der Posten des Kommissionspräsidenten der immer größer werdenden Europäischen Union, und er sagt ab? Und das trotz anhaltenden Drängens? Weil Bayern, Deutschland und Angela Merkel ihn brauchen, sagt Stoiber sinngemäß als Antwort. Was für ein Fehler!

Stoibers Kritiker haben es sich gedacht. Denn ihm eilt der Ruf aus München voraus, bei weitem nicht immer so zupackend zu sein, wie er wirken will. Und es heißt, dass der Ministerpräsident nur mit ständigem Rückgriff auf seine Fachleute regiere. Nun, das spricht noch nicht gegen ihn; zumal nicht, wenn er in Brüssel handeln müsste. Da können Fachleute nur hilfreich sein. Schwerer wiegt da der Einwand, dass er nie Koalitionen eingehen musste (über die zu vernachlässigenden in der Partei hinaus). Stoiber konnte im Wesentlichen immer so verfahren konnte, wie es ihm richtig erschien. Das wäre, bei den verbliebenen Nationalismen in Europa, schon schwierig; zusätzlich zum Umstand, dass er bisher wenig Englisch und kein Französisch spricht.

Deshalb liegt sein Irrtum auch vor allem anderen hier: Bayern kann durchaus von Erwin Huber regiert werden, der ohnehin schon das operative Geschäft leisten muss, jedenfalls die Kärrnerarbeit; die CSU könnte Stoiber ja vorerst weiter führen. Die nationale Politik der Union, siehe die peinliche Geschichte bei der Rentenbesteuerung im Bundesrat, hängt auch nicht unbedingt maßgeblich von ihm ab. Und Merkel – die hat sich längst emanzipiert. Ein Frühstück in Wolfratshausen wie damals vor seiner Kanzlerkandidatur für die Unionsparteien würde es heute nicht mehr geben. Eher hätte Stoiber nach Berlin zu Merkel reisen müssen, um nach Brüssel zu kommen.

So steht er jetzt da: Als einer, der im entscheidenden Augenblick nicht die Dimension der Situation erkennt und dann beherzt seine Möglichkeiten ergreift. Für Bayern, Deutschland und sich selbst. Stoiber hätte es sich denken können.

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