Meinung : Zorn, Angst, Wurfgeschosse

Von Gerd Appenzeller

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Wittenberge in der Prignitz ist eine der ostdeutschen Regionen, in denen man keine Kulissen aufstellen muss, wenn ein Film über die Folgen von Massenarbeitslosigkeit und Stadtflucht gedreht wird. Wittenberge, einstmals 40000, heute noch etwas über 20000 Einwohner, ist eine Stadt, in der die Kulisse Realität und die Realität wie Kulisse ist.

Wittenberge, das ist die Stadt, in der gestern ein Ei nach dem Bundeskanzler geworfen wurde und in der vielleicht ein Begleitfahrzeug von einem Stein getroffen wurde. Das geschah morgens um elf. Der für 76 Millionen Euro umgebaute Bahnhof war gerade eingeweiht worden. Wer um diese Zeit demonstriert, hat keinen Job. 22 Prozent sind es offiziell, die verdeckte Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. Da glaubt keiner, dass jene Reform, die die Bundesregierung nicht mehr nach ihrem Erfinder benennen möchte, vom 1. Januar an irgendeine Besserung bringt. Und weil man jegliche Hoffnung auf die helfende Hand von Vater Staat verloren hat, tröstet auch nicht, dass von den 76 Millionen Euro Baukosten der größte Teil an Unternehmen der Region und damit in Arbeitsplätze in Wittenberge und Umgebung geflossen ist. Im tiefen Loch sieht man nichts, und andere Aufbauhilfe als die des Staates kann sich in der Prignitz keiner vorstellen.

Natürlich gibt es Linke und Rechte, die es verstehen, die dumpfe Resignation in brüllenden Volkszorn umzulenken. Die Braunen sucht man auszugrenzen, weitgehend erfolgreich, und die Linken sind sich nicht immer einig. In Berlin marschiert deren eine Hälfte zur Parteizentrale der Grünen, die andere zum Willy-Brandt-Haus. Aber wer sich die Menschen auf den Fotos anschaut, blickt in Gesichter von 50- und 60-Jährigen, die wohl nie daran gedacht hatten, noch einmal auf die Straße gehen zu müssen. Vielleicht tun sie es auch zum ersten Mal, weil es, anders als 1989, mit keinerlei Risiko verbunden ist. Sogar das Eierwerfen erträgt die Demokratie, erträgt dieser Kanzler klaglos. Aber die Menschen wollen raus aus einer Realität, die aussieht wie eine Kulisse für einen Film, in dem niemand von ihnen mitspielen will und dessen Hauptdarsteller sie doch geworden sind. Ja, gejammert wird natürlich. Aber da zerbricht gerade auch etwas, das vermutlich nicht mehr zu kleben ist.

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