Meinung : Zu gut gemeint

Die Nach-68er haben sich in einem moralischen Irrgarten verlaufen – doch es gibt einen Ausweg

Susanne Gaschke

Die SPD gleicht mental einem Trümmergrundstück. Zwischen den Scherben, herabgefallenen Ziegeln und geborstenen Balken der 68er-Ideologie wuchert zähblättriges neoliberales Unkraut. Niemand hat die Reste des „demokratischen Sozialismus" entsorgt, niemand die Emanzipationsthemen der 70er Jahre nach ihrer Brauchbarkeit sortiert. Niemand hat den Boden umgegraben, gedüngt, Pflänzchen gesät und an Spaliere gebunden. Das Ergebnis ist Sigmar Gabriel.

Die Kanzler-Generation hatte ein Projekt: Auflösen, aufbrechen, aufweichen, einreißen, relativieren – Strukturen, Familien, Staatsmacht, Traditionen, Zwänge, alte Werte, Tabus. Wie segensreich das für diese Gesellschaft gewesen sei, haben wir bis zum Erbrechen gehört, und in der Tat: wir können heute so wild und gefährlich leben, wie wir wollen; wir können einander betrügen und uns scheiden lassen und Patchwork-Familien bilden; wir duzen unsere Chefs. Besonders glücklich sind die meisten von uns trotzdem nicht, aber das mag in den Augen der Älteren an uns selbst liegen - wahrscheinlich hatten wir es zu leicht.

Schröder und seine Altersgenossen definierten sich fast ausschließlich über Gegnerschaft und Verneinung: Nicht von ungefähr war „Leg dich quer, dann bist du wer" ein nur begrenzt selbstironischer Juso-Wahlspruch. Die wenigen Punkte, für die unser rotgrünes Führungspersonal Partei ergriff, waren entweder zu gewaltig und fern – Dritte Welt, Antarktis – oder zu WG-Küchentisch-kleinkariert – Haschlegalisierung, Homo-Ehe – um damit ein Land zu regieren. Die moralische Überheblichkeit dieser Generation blieb auch angesichts regierungstechnischer Misserfolge intakt. Ebenso das Gefühl, sie seien selbst ihre besten Nachfolger.

Auf der ideologischen Ebene hat das Schleifen aller vormodernen Strukturen den Siegeszug der Neoliberalen gefördert – nichts und niemand war schließlich mehr da, der sich gegen deren unersättliches Flexibilisierungsbedürfnis und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche stemmen konnte. Auf der Nachwuchsebene hat die Selbstgenügsamkeit der 68er ebenfalls den Neoliberalen in die Hände gespielt: Bei roten und grünen Jungpolitikern entstand die ödipale Zwangsvorstellung, man könne die gleichgültigen Väter höchstens durch eine durch und durch wirtschaftsfreundliche Haltung ärgern und auf sich aufmerksam machen. Natürlich klappte auch das nicht: Die Youngster unterschätzten das Ausmaß an repressiver Toleranz, dem sie begegnen würden. Außerdem konnten die Schröders, Fischers, Engholms, Scharpings den Ökonomismus via Lifestyle in ihr Leben zu integrieren. In ihre Politik. Und ihre Rhetorik. Nur gewinnt man dabei möglicherweise bei der traditionellen Klientel keine Wahlen. Ebenso wenig zeigen konservative oder liberale Wähler die Neigung, jetzt massenhaft die SPD zu unterstützen.

Wollte die Generation der 30- bis 50-Jährigen sich endlich emanzipieren und zugleich die Linke wieder politisch attraktiv machen, dann müssten ihre Sprecher das Pragmatismus- und Jenseits-von-rechts-und-links-Geplapper einstellen. Aufhören mit dem Unternehmensberater-Speak, mit Vernetzte-Welt-Phantasien und ähnlichen Ersatzideologien. Und sich der Frage stellen, was aus den Utopien ihrer Eltern geworden ist. Das würde die wirklich quälen. Die Bildungspolitik ist ein gutes Beispiel dafür, wie man vom linken Weg abkommt: Man wollte einerseits Chancen verteilen, durch Gesamtschulen, durch neue Schulzentren auf dem Land. Man wollte andererseits die Kinder befreien, vom Frontalunterricht, vom 45-Minuten-Unterrichtstakt, vom Auswendiglernen. Im Ergebnis hat man vielen Schülern die innere Struktur genommen, die nötig wäre, um von der formalen Durchlässigkeit des Bildungswesens zu profitieren. Ein Nebeneffekt der antiautoritären Ideologie.

In fast allen anderen gesellschaftspolitischen Feldern sieht es ähnlich aus. Zu lange wurden manche Dinge als vermeintlich gut und links angebetet, ohne dass sich noch jemand um die Folgen ihrer Anwendung kümmerte. Hier könnte auch der Ansatzpunkt für einen Paradigmenwechsel liegen. Die Aufgabe wäre, endlich zu fragen: Wirkt es? Lernen die Kinder in unseren Schulen lesen und schreiben? Können Türken der dritten Generation Deutsch, oder war es uns zu peinlich, sie mit Integrationsangeboten zu belästigen? Gibt es mehr oder weniger Drogenabhängige, wenn man Methadon verteilt? Zerbrechen Familien an mangelnder Gleichstellung von Frauen im öffentlichen Dienst?

Radikaler Empirismus wäre der Maßstab der intellektuellen Entrümpelung; ihr Ergebnis wahrscheinlich, dass es im Namen der Gerechtigkeit heute viel mehr auf die Verbreitung vernünftiger Verhaltensweisen ankommt als auf neue finanzielle Transfers. Dazu gehört das Bild eines sich kümmernden, sich klug einmischenden und nachdrückliche Vorschläge machenden Staates. Liberalen wird das nicht gefallen, aber das muss es auch nicht. Jenseits von 68 heißt heute jenseits von rechts und links.

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