Meinung : Zu kurz gesprungen

Die Heuschrecken könnten längst besiegt sein

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Alexander S. Kekulé In Europa oder den USA hätten die Heuschrecken keine Chance. Satelliten würden die Schwärme mit Spezialkameras aufspüren. Hochleistungsrechner würden den Zustand von Vegetation, Wind und Wetter analysieren und den Zug der Insekten vorausberechnen. Kurz darauf würde ein Geschwader von Sprühflugzeugen die GPSKoordinaten von Brutstätten, Jungtieren und wandernden Schwärmen anfliegen – die Plagegeister hätten kaum länger zu leben als Eintagsfliegen.

Im westlichen Afrika wüten die Heuschrecken dagegen wie zu Pharaos Zeiten. Im Senegal gibt es ein einziges Spezialflugzeug. Andernorts heben die Menschen Gräben aus, damit die Wanderinsekten hineinfallen, legen Feuer oder schlagen mit Stöcken um sich. Gegen Schwärme mit der Ausdehnung von Großstädten haben sie jedoch keine Chance. Auf jedem Quadratkilometer sitzen 40 bis 80 Millionen laut schmatzende Insekten. Jeder Quadratkilometer frisst pro Tag so viel wie zehn Elefanten oder 2500 Menschen. In der Region ist bereits ein Viertel der Jahresernte verloren, in einigen Ländern mehr als die Hälfte.

Die Katastrophe war lange angekündigt. Heuschreckenplagen entwickeln sich immer dann, wenn besonders ergiebige Regenzeiten die Wüste zum Blühen bringen. Das geschieht in Nordafrika etwa alle 15 Jahre. Durch das üppige Nahrungsangebot verwandeln sich die harmlosen „solitären“ Heuschrecken in kleine Monster – die gefürchteten Wanderheuschrecken. Ausgelöst wird dieser „Phasenwechsel“ vor allem durch häufige Berührungen der Hinterbeine dicht zusammengedrängter Insekten. Innerhalb weniger Stunden beginnen die Tiere unmäßig zu fressen, wobei sie auf einmal Pflanzen bevorzugen, die für ihre Räuber giftig sind. Bei den nächsten Häutungen verwandeln sich die hellgrünen Hüpfer dann in gelb-schwarze Riesen von bis zu zehn Zentimeter Länge mit größerem Kopf und breiterem Maul. Sie paaren sich früher und entwickeln sich schneller, wobei auf einmal der ganze Schwarm synchronisiert ist – Milliarden Heuschrecken fressen, kopulieren und häuten sich gleichzeitig.

Bei der letzten Häutung werden die Tiere erwachsen und erwerben die folgenschwerste Fähigkeit: Sie lernen fliegen. Dann helfen keine Fallgruben und kein Feuer mehr, sondern nur noch Chemie. Bis in die 80er Jahre war das Dieldrin, ein dem DDT verwandtes Pestizid, die wichtigste Waffe gegen die Plage. Da es nur sehr langsam abgebaut wird, konnten durch einfaches Versprühen am Boden wirksame Sperrgürtel gegen die Wanderheuschrecken errichtet werden. Seit dem Verbot des Dieldrins stehen weniger giftige und schnell abbaubare Pestizide zur Verfügung, die jedoch schwieriger anzuwenden sind. So muss je nach Entwicklungsstadium der Heuschrecken ein anderes Mittel eingesetzt werden, für die effiziente Ausbringung werden Flugzeuge benötigt. Die erforderlichen Spezialzerstäuber müssen auf eine Konzentration des Wirkstoffes eingestellt werden.

Die betroffenen Länder sind deshalb auf internationale Unterstützung angewiesen. Nach den heftigen Regenfällen des letzten Sommers sagte die FAO eine Heuschreckenplage für Nordwestafrika voraus und forderte bereits im März neun Millionen Dollar zur Bekämpfung der ersten Brutstätten – ohne Erfolg. Jetzt wird der Aufwand auf 100 Millionen Dollar geschätzt, zugleich haben sich die Heuschrecken bis auf die Kanarischen Inseln ausgebreitet. Nachdem die achte Plage in der EU angekommen ist und den Tourismus bedroht, bekommt Afrika nun endlich die dringend benötigte Hilfe.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle.Foto: J. Peyer

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