Meinung : Zu viel Aufhebens

Berichterstattung zu Bushido „Stress ohne Grund“ vom 15. Juli

Wenn ich richtig beobachtet habe, hat es dieser Rapper im Tagesspiegel in dieser Woche dreimal auf die Titelseite geschafft. Das passiert sonst wohl nur für große Persönlichkeiten, die verstorben sind oder sich um und für unser Land verdient gemacht haben. Letzteres kann doch wohl niemand ernsthaft für diesen „Künstler“ behaupten. Natürlich müssen sich die angesprochenen Personen in dem Stück „Stress ohne Grund" wehren, und sei es durch Strafantrag, heißt aber m.E. nicht, ihm tagelang in dieser Breite solche Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Werbung für ihn und seinen Song war auf diese Weise optimal, und das kann man ja daran feststellen, dass das Lied unzählige Male im Netz heruntergeladen wurde und die CD fast überall ausverkauft ist. Und bis sie auf dem Index erscheint, vergeht nochmal viel Zeit – und die arbeitet weiterhin für den Rapper!

Bushido seinerzeit den Bambi in der Kategorie „Integration“ zu verleihen, war schon unerträglich. Wo und wann hat sich dieser Mensch für Integrationsprojekte und gegen Gewalt nachdrücklich und selbst aktiv eingesetzt?

Er ist auch in seinen Liedern meines Wissens nie von der Verunglimpfung bestimmter Gruppen in unserer Gesellschaft abgewichen. Ist das Integration? Das ist verbale Gewalt, die auch schlimm genug ist.

Ich bin enttäuscht, dass meine Zeitung derart intensiv über Bushido berichtet hat. Das hat dieser Mensch so nicht verdient. Da gibt es weitaus berichtenswertere Projekte von Menschen, die sich nachhaltig und positiv und ohne finanzielle Entschädigung einbringen, und das weiß der Tagesspiegel am besten.

Es sei da die Aktion „Menschen helfen“ erwähnt.

Günter-Henning Tarun, Berlin-Steglitz

In diesem Kommentar fordert Lars von Törne, „zivilisatorische Standards und menschliche Spielregeln zu verteidigen, die nicht von allen Mitgliedern unserer Gesellschaft geteilt werden, wie dieser Song zeigt“. Aber sind es nicht allgemein geteilte „Standards“ und „Spielregeln“, die eine „Gesellschaft“ überhaupt erst als solche begründen? Und, wenn verschiedene Gruppen verschiedene Standards und Spielregeln haben und leben – haben wir es dann nicht mit verschiedenen Gesellschaften zu tun?

Die Repräsentanten der sogenannten Jugendkultur werden Bushidos Song wohl „geil“ finden, und gerade diese so vielsagende Vokabel definiert ja heute weitgehend den „Standard“, d. h. das verbindende Maß- und Wertesystem dieser Gruppe. „Unsere Gesellschaft“, die alle eint, und deren Standards und Spielregeln Sie verteidigen wollen, und aus der herausfiele, wer diese nicht teilt – diese Gesellschaft gibt es nicht mehr.

An ihre Stelle sind die autonomen Individuen getreten, die ihre Standards und Spielregeln im weiten Rahmen der demokratischen Freiheitsrechte selbst bestimmen und insbesondere auch, wofür die „Freiheit der Kunst“ gelten soll: Kunst ist, seit und nach Joseph Beuys, was der Mensch macht, der sich selbst als Künstler versteht. Bushido versteht sich gewiss als Künstler; er wäre dumm, wenn er das nicht täte; also ist sein Song Kunst, und die ist frei, ob einem das gefällt oder nicht.

Und, wenn ein solcher Künstler ein Werk produzieren und als Kunst anbieten darf, das Gott verhöhnt, so darf er gewiss auch dem Regierenden Bürgermeister von Berlin nahetreten. Wer diesen Stand der Dinge durch eine „Abwägung gegen das Persönlichkeitsrecht“ korrigieren will, öffnet nur der willkürlichen Zensur ein Türchen, weil ja doch, wenn alle für eine solche Abwägung erforderlichen „Standards und Spielregeln“ abhanden gekommen sind, die Abwägung nur noch denselben Wert hat wie das Werfen einer Münze.

Ed Dellian, Berlin-Zehlendorf

Ich finde, dass man der neuerlichen Provokation des Rappers Bushido zuviel Aufmerksamkeit widmet. Und aus dem Text „Ich schieß auf Claudia Roth und sie hat Löcher wie ein Golfplatz“ eine Morddrohung abzuleiten, halte ich für abwegig.

Dann müsste man auch Erich Kästner vorwerfen, dass er in seinem Gedicht „Zeitgenossen haufenweise“ in dessen letzter Strophe gleich zum Massenmord an verachteten Zeitgenossen aufrufe.

Dort heißt es: „Man sollte kleine Löcher in sie schießen!/Ihr letzter Schrei wär noch ein dernier cri./Jedoch, sie haben viel zuviel Komplicen,/als daß sie sich von uns erschießen ließen./Man trifft sie nie“. Erich Kästner auf den Index?

Dr. med. Manfred Zschiedrich,

Berlin-Charlottenburg

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