Meinung : Zu viel des Sieges

Die UN-Sanktionen gegen den Irak werden fallen – doch die USA sind schon jetzt überfordert

Malte Lehming

Die Geschichte schreibt der Sieger. Von Recht und Unrecht, gar Moral, sprechen nach einem Krieg allenfalls noch notorische Nörgler. Selten ist aller Welt diese Lektion deutlicher erteilt worden als in den Wochen, nachdem in Bagdad die Statuen Saddam Husseins gefallen waren. Die Verlierer sind mundtot. Und zu den Verlierern zählt jeder, der den Krieg abgelehnt hatte. Keiner fragt mehr nach den Massenvernichtungswaffen im Irak, die doch angeblich der Kriegsgrund gewesen waren. Keiner empört sich über die Anarchie im Land, die die amerikanischen und britischen Besatzer bis heute nicht in den Griff bekommen. Leise, ganz leise nur werden solche Dinge angesprochen. Jeder will wieder konstruktiv sein, pragmatisch, nach vorne blicken, den Streit vergessen.

Den Sieger freut’s. Erst trimphierte er auf dem Schlachtfeld, nun läuft er als glorreicher Star auch übers diplomatische Parkett. Der US-Regierung schwillt der Kamm vor Stolz. Die Rebellen – Frankreich, Russland und Deutschland – wurden in die Schranken verwiesen, ihr Aufstand niedergeschlagen. Wahrscheinlich schon in wenigen Tagen wird der UN-Sicherheitsrat auf Druck der USA eine neue Irak-Resolution verabschieden. Dann werden die Sanktionen aufgehoben, die von Amerika angeführte Kriegskoalition erhält faktisch freie Hand beim Wiederaufbau des Landes. Natürlich fallen auch für den Rest der Völkergemeinschaft ein paar Brosamen ab. Ein UN-Sonderbeauftragter darf bei der Neuordnung des Irak ein bisschen mitwirken, das Programm „Öl für Lebensmittel“ läuft noch etwas länger. Doch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese neue Resolution den Irak-Krieg nachträglich legitimiert. Zumindest implizit. In der Hoffnung, dass es ihr letzter großer Kotau sei, sind Paris, Moskau und Berlin zu diesem Schritt zähneknirschend bereit.

In Washington wird diese Entwicklung mit unverhohlener Genugtuung registriert. Das könnte verfrüht sein. Anders als in Bosnien, Kosovo oder Afghanistan trägt die Hauptlast des irakischen Wiederaufbaus nun nicht eine große, internationale Koalition, sondern im Wesentlichen die US-Regierung allein. Die aber ist jetzt schon mit der Aufgabe überfordert. Die Infrastruktur des Irak, die ihre intelligenten Bomben verschont hat, wird seit Ende des Krieges von marodierenden Banden zerstört. Es herrscht Angst, Unsicherheit, Selbstjustiz. Seit fünf Wochen regiert das Chaos in dem „befreiten Land“. Man muss kein Unheilprophet sein, um beim Gedanken an die Zukunft des Irak von düsteren Ahnungen befallen zu werden. Die Geschichte schreibt der Sieger. Das ist wahr. Aber langfristig ist die Wirklichkeit ein ganz gutes Korrektorat.

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