• Zu viel Respekt vor dem „Erwachsenen“ Wie geht das: Für die Kinder da sein, ohne sich aufzudrängen?

Meinung : Zu viel Respekt vor dem „Erwachsenen“ Wie geht das: Für die Kinder da sein, ohne sich aufzudrängen?

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RECHTSWEGE

Er hat 16 Menschen erschossen und zuletzt auch sich selbst getötet: Robert Steinhäuser. Er war 19 Jahre alt, also volljährig, für sich selbst verantwortlich. So musste, so durfte seine Schule die Eltern nicht darüber unterrichten, dass ihr Sohn von der Schule verwiesen worden war, weil er Atteste gefälscht hatte, mit denen er sein oft wochenlanges Fernbleiben vom Unterricht entschuldigte.

Die Schule, die ihn verstieß, ließ ihn nicht allein. Sie versuchte, ihm eine andere Schule zu verschaffen, damit er einen Schulabschluss bekäme.

Die Eltern glaubten bis zuletzt, er gehe zur Schule, wenn er das Haus verließ. Als er am Tattag das Haus verließ, meinten seine Eltern, er habe heute Prüfung. „Toi, toi für die Abi-Prüfung“ gab ihm seine Mutter am Morgen mit auf den Weg, an dessen Ende 16 Menschen und ihr Sohn tot waren.

Mitgefühl der Eltern

In einem offenen Brief haben Roberts Eltern und sein Bruder ihre grenzenlose Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit mitgeteilt und gesagt, dass sie im Augenblick nur an die Opfer und ihre Familien denken können und noch außer Stande sind, um ihren Sohn und Bruder zu trauern. „Uns tut es unendlich Leid, dass unser Sohn und Bruder so entsetzliches Leid über die Opfer und ihre Angehörigen gebracht hat. Seit dieser schrecklichen Tat fragen wir uns immer und immer wieder, woher der Hass und die Verzweiflung von Robert kamen und warum wir nichts davon erfahren haben.“

Da hilft es nichts, wenn Psychotherapeuten, die Robert nicht persönlich kannten, vermuten, er habe wohl an einer narzistischen Persönlichkeitsstörung gelitten, an einem äußerst labilen Selbstwertgefühl. Und sich nicht in der Lage gesehen, seine Not anderen Menschen anzuvertrauen. Das kann seine Eltern nicht trösten.

Die „Bild“-Zeitung hat sich ihrer angenommen: „Seine Eltern flehen um Verzeihung.“ Und Franz Josef Wagner hat in einem Brief an die Erfurter in dieser Zeitung uns, seine Kollegen, daran erinnert, was er auch kann: Er hat gefragt, wie die Bürger der Stadt künftig mit den Steinhäusers umgehen werden. „Bemitleiden, verachten, übertrieben freundlich sein, alles daran setzen, den Steinhäusers nicht zu begegnen: beim Bäcker, im Spar-Laden, am Bankschalter. Morgen sind die Schröders, Raus alle weg. Morgen beginnt euer Alltag mit den Steinhäusers. Ich wünsche mir von euch Erfurtern, dass ihr diese Familie nicht im Stich lasst.“

Eine ganz normale Familie

Niemand lehrt uns, wie es ist, wenn man Kinder hat. Schließlich ist man selbst ein Kind gewesen, lautet die bewusste oder unbewusste Voraussetzung für dieses Schweigen. Über den Weg, auf dem man sich bis zum letzten Atemzug befindet, wenn man Kinder bekommt, spricht man nicht, als verstehe sich dieser Weg von allein. Doch so ist das nicht.

Es gäbe so viel zu besprechen. Aber da will man respektieren, dass die Kinder nun das sind, was man erwachsen nennt. Da hält man sich zurück, da hält man sich heraus.

Wir sollten die Steinhäusers wirklich nicht im Stich lassen. Wir müssen auch darüber sprechen lernen, wie es ist, wenn man Kinder hat. Wie man für sie da sein kann, ohne sich einzumischen oder ihnen sogar Entscheidungen aufzudrängen.

Der offene Brief der Eltern Robert Steinhäusers ist ein Dokument. „Wir waren bis zu dieser brutalen Wahnsinnstat eine ganz normale Familie und haben Robert anders gekannt“, heißt es in dem offenen Brief.

Was über die Steinhäusers gekommen ist, kann auch über andere kommen.

Gerhard Mauz ist Autor des „Spiegel“. Foto: Dirk Reinartz

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