Zukunft der Berliner Charité : Größe ist kein Wert an sich

Die Charité, ein Statussymbol der Berliner Wissenschaft, wird wohl kräftig gestutzt. Doch dem Senat als Eigentümer fehlt der Mut zu sagen: Das können wir uns nicht leisten, das Klinikum muss abspecken.

Ingo Bach

Die Zukunftspläne der Charité werden wohl kräftig gestutzt. Im Vorfeld der heutigen Haushaltsklausur des Senats deutet einiges darauf hin, dass das größte Universitätsklinikum Europas mit weit weniger Zuschüssen rechnen kann, als es beantragt hat. Damit hat sich Finanzsenator Ulrich Nußbaum durchgesetzt – und den Charité-Vorstand und den Wissenschftssenator Jürgen Zöllner desavouiert. Vor einer Woche noch hatte der Aufsichtsrat des Klinikums unter Zöllners Leitung die Vorstandsvorlage gut geheißen, einen 347 Millionen Euro teuren Neubau für das marode Bettenhochhaus in Mitte zu errichten. Der Finanzsenator stimmte dagegen. Er erklärte, er könne doch nicht der Charité ein schönes Krankenhaus hinbauen, während es in Berlins Schulen hineinregne. Der Vorstand solle erst einmal ein Konzept für die Zukunft der Charité-Standorte vorlegen.

Ein solches Konzept gibt es jedoch, aber ein sehr teures. Über 600 Millionen Euro brauche man für die Instandsetzung der Häuser in Steglitz, Wedding und in Mitte, sagt der Vorstand. Es entsteht der Eindruck, dass der Senat dem Vorstand nun Konzeptionslosigkeit nur deshalb vorwirft, weil er selbst nicht den Mut hat zu sagen: Das können wir uns nicht leisten, die Charité muss schrumpfen. Die erfolgreichen Proteste gegen die 2001 geplante Schließung des Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz sind wohl noch in zu guter Erinnerung.

Der Vorstand muss wohl einsehen, dass das Bekenntnis, alle vier Hauptstandorte erhalten zu wollen, immer weniger einzuhalten ist. Aber Größe ist relativ. Das zeigt der Blick auf die renommiertesten US-amerikanischen Unikliniken. Diese haben weniger Mitarbeiter, kleinere Standorte und versorgen weniger Patienten als die Charité, und strahlen trotzdem weltweit, weil sie sich auf Spitzenmedizin und -forschung konzentrieren. Das kann auch die Charité. Der Vorstand muss jetzt den Konzentrationsprozess vorbereiten und gestalten. Er darf dafür aber erwarten, dass der Senat diesen Weg finanziell unterstützt, öffentlich für die nötigen schmerzlichen Einschnitte die Verantwortung übernimmt und sich nicht hinter dem Vorstand versteckt.

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