Meinung : Zum Dienst angetreten

Von Christoph von Marschall

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John Kerry hat eine bemerkenswerte Rede beim Parteitag der Demokraten gehalten – mit all den Passagen, die amerikanische Herzen ansprechen: Patriotismus, Dank an die Eltern, der Dienst fürs Vaterland als junger Mann in Vietnam, die klare Unterscheidung von guten und schlechten Regierungen am Beispiel des geteilten Berlins und die Bereitschaft, selbst gegen die eigene Partei aufzubegehren, wenn sie „das Falsche“ fordert wie seinerzeit die Aufblähung des Haushalts. Hinzu kam die Reverenz an Boston, die Wiege der amerikanischen Unabhängigkeit. Kerry hat natürlich auch Front gegen George W. Bush gemacht: Er liebe und schütze die Umwelt, er werde Amerika nicht ohne Not in Kriege stürzen und Geheimdiensterkenntnisse schärfer kontrollieren, er habe ein soziales Gewissen für die Armen. So bediente er das demokratische Glaubensbekenntnis und durfte dann auch typisch angelsächsische Argumentationsformeln verwenden, die sich aus sich selbst begründen: „weil es das Richtige ist …“ oder „weil Amerika es besser kann …“.

Reicht das zum Sieg? Kerry hat das Tor dorthin geöffnet, seine Partei ist aufgeputscht und kampfbereit. Aber noch ist nichts entschieden. In wenigen Tagen wird man wissen, ob dieser Parteitag die öffentliche Zustimmung zu Kerry auf deutlich über 50 Prozent gehoben hat – das gilt nach aller Erfahrung als Mindestvoraussetzung. Im August kontert Bush beim Parteitag der Republikaner und macht bestimmt einige Prozentpunkte gut. Im Herbst folgen die TVDuelle. Die sind ein Risiko für Kerry. Denn Boston zeigte auch, dass er kein charismatischer Redner ist. Das Manuskript war besser, als er es vorgetragen hat.

Das Werben um die Herzen der Mehrheit ist etwas anderes als das Heimspiel in Boston vor begeisterten, Fähnchen schwingenden Parteigängern. Die Bürger, die Kerry mit mehr Distanz betrachten, wissen, dass er die Zeit nicht zurückdrehen kann vor Bushs Amtsantritt. Wird er Präsident, fängt er nicht bei null an, sondern übernimmt ein Erbe. Aus dem Irak kann er nicht früher abziehen, als Bush es könnte. Auch Kerry wird es mit Verbündeten zu tun haben, die keine Truppen schicken möchten. Das Haushaltsdefizit muss auch er abbauen. Und Amerika vor internationalem Terror schützen. John Kerry hat das Bild eines anderen Amerikas gezeichnet, das vor allem mit einer anderen Rhetorik auftritt. Sein Sieg ist jetzt gut möglich, gewonnen hat er noch nicht.

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