Meinung : Zum Fürchten nahe

„Von der Freiheit einzugreifen – 20 Jahre nach Rostock“ vom 20. August

Das Bild ging wohl um die Welt: Das Foto mit dem eingenässten Trainingsanzug angesichts der fremdenfeindlichen Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen. Es war die Geburt des „hässlichen Ostdeutschen“, für andere, dass einschlägige – westdeutsche – Neonazis in das ostdeutsche Vakuum eingedrungen waren.

Von Pauschalität habe ich nie viel gehalten, sie erklärt nichts, bietet keinen Aufschluss, deckt eher zu. Die Tendenzen allerdings waren jahrzehntelang recht eindeutig und heute noch würde ich jedem Menschen schwarzer Hautfarbe raten, sich bedenkenlos in einen Regionalzug von Villingen-Schwenningen nach Freiburg oder von Eckernförde nach Kiel zu setzen, nach Einbruch

der Dunkelheit aber Züge von Oschatz

nach Dresden oder von Anklam nach

Pasewalk zu meiden.

Vier Gründe sehe ich für diese Entwicklung:

1. Bis auf Wirtschaftskrisen, wo es allen so ging, sind zu fast keiner Zeit ganze Regionen binnen kurzer Zeit solchen Umbrüchen ausgesetzt gewesen wie das gesamte Ostdeutschland. Dagegen ist der Umbruch im Ruhrgebiet beispielsweise geradezu auf samtenem Teppich verlaufen.

2. Die alten Herren sind abgetreten und mit ihnen die alten – wenn auch oktroyierten – Sicherheiten, die neuen haben sich weitab von Groß- und Mittelstädten nirgendwo richtig blicken lassen. Der Konsum ist weg, der Jugendklub ist weg, hinter den Abstellgleisen wächst die Gewalt. Es sind die links Liegengelassenen, die sich an den Lagerfeuern der Rechtsextremisten die Füße wärmen.

3. Mehr als der westdeutsche Staat war der ostdeutsche davon geprägt, das immer ganz klar war, was falsch und was richtig war. Meinungspluralität und das eigenständige Finden einer Auffassung, die dann auch differenziert ist, galt eher als anrüchig und offiziell verdachtserregend, als dass das Teil einer politischen Kultur gewesen wäre.

4. Es sind verschwindend kleine Prozente an Menschen, woraus die Gewalt erwächst; denjenigen, die das abbekommen, nützt das aber nichts. Mehr als ein Jahrzehnt galt, dass körperliche Übergriffe im Osten Deutschlands in Bezug auf die Einwohnerdichte siebenmal so hoch sind wie im Westen.

Konkret: Finden sich in einem Dorf von beispielsweise 500 Einwohnern in der vorherigen Bundesrepublik durchschnittlich zwei rechtsextremistische Schläger, sind es im Osten Deutschlands mehr als Dutzend. Im Vergleich dazu das umgekehrte Verhältnis an Ausländern: Bei einem Verhältnis von zwei Irregelaufenen gegen 20 oder 30 Migranten, trollen die sich eher woanders hin oder saufen sich die Hucke voll. Bei einem Dutzend gegen vier oder fünf, sieht die Angelegenheit schon anders aus.

Nach Aufkündigung der Vertragsarbeiterverhältnisse lag die Ausländerquote in Ostdeutschland kaum über 0,1 Prozent, und auch schon vorher gab es abseits eines hoch aufgehängten Internationalismus kaum wirkliche Erfahrungen mit Migranten.

Jeder, der in Berlin-Kreuzberg, in

Hamburg-Ottensen oder in Köln-Ehrenfeld von national befreiten Zonen

großtönte, gäbe sich augenblicklich der

Lächerlichkeit preis. Sollen die vier oder fünf, die es an Ausländern und Migranten im Dorf gibt, per Stiefeltritt vom einschlägigen Dutzend (bei 480 Teilnahmslosen) vertrieben werden, liegt die national befreite Zone immer noch zum Fürchten nahe an der Realität.

Helmut Krüger, Potsdam

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