Meinung : Zum Glück Familie

So finden Kinder ihren Ort in der Welt: Ein Plädoyer für Ehe und Familie

Wolfgang Huber

Es gibt nicht „die“ Familie. Familie ist ein biologisches Phänomen, mit dem jede Person gesegnet ist und dem niemand entrinnt. Familie ist dort, wo minderjährige Kinder sind, wo Menschen verschiedener Generationen Verantwortung füreinander wahrnehmen und wo Menschen verwandtschaftlich füreinander eintreten. Jeder Mensch hat Vater und Mutter, auch dann, wenn er nur mit einem Elternteil oder sogar als Waise aufwächst. Es gibt keinen Menschen ohne Familie.

Es geht nicht darum, das fast schon klischeehafte Bild einer heilen oder gar heiligen Familie wieder zu beleben. Realistisch war dieses Bild nie; stets ist es mehr Wunsch denn Abbild. Doch meldet sich auch in unserem Land eine wachsende Sehnsucht danach, dass das Leben in Familien gewürdigt wird. Menschen schauen wieder nach gelingenden Beispielen dafür. Ihre Suche trifft Gott sei Dank auch immer wieder auf einleuchtende Vorbilder. Ohne Familie, in welcher Ausgestaltung auch immer, kann keine Gesellschaft leben. Denn Familie haben alle. Doch nicht alle setzen den Verbund der Generationen heute noch fort. Welches Bild entwickeln Menschen, die nur Familienbeziehungen in die vorangehenden Generationen haben, also nur zu Eltern und Großeltern, aber nicht zu eigenen Kindern oder zu Nichten und Neffen? Sie leben zwar in Familien, aber im schlimmsten Fall kindvergessen – mangels Gelegenheit.

Vom Eigenwert jedes Menschen, von der Gabe des geschenkten Lebens, von der Gnade, dass wir Geschöpfe Gottes sind, muss wieder die Rede sein in einer Gesellschaft, die Elternzeiten als Produktionsausfall und Schwangerschaften als Krankheit betrachtet. Ein Einstellungswandel ist nötig, der Ärzte, die eine Schwangerschaft feststellen, davor bewahrt, als Erstes zu fragen: „Wollen Sie es denn behalten?“ Die Fürsorge sollte sich besonders auch auf das ungeborene Leben richten. Im Jahr 2005 sind in Deutschland nur etwa 680 000 Kinder geboren worden. Hätten sich allein die statistisch erfassten Schwangerschaftsabbrüche vermeiden lassen, wären es über 800 000 Kinder gewesen. In jedem Kindergarten mit fünf Gruppen müssen wir uns eine weitere Gruppe für die Kinder hinzudenken, die wegen eines Schwangerschaftsabbruchs nicht geboren wurden. Hinter solchen Zahlen verbergen sich stets individuelle Schicksale. Aber dass sich in unserer reichen und auch mit Hilfsmöglichkeiten gut versorgten Gesellschaft nicht mehr Schwangere zum Austragen ihres Kindes entschließen und dass die Zahl der Abtreibungen nicht deutlicher zurückging, ist nicht hinzunehmen.

Ein ungeborenes Kind kann niemals gegen, sondern immer nur mit seiner Mutter geschützt werden. Doch der Lebensschutz muss besser gelingen als bisher; dass den gesetzlich ermöglichten Spätabtreibungen ein Ende gemacht wird, ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Schritt. Aber auch darüber hinaus ist der Einsatz dafür notwendig, dass Schwangerschaften angenommen werden und gelingen.

Auf der einen Seite schieben Frauen – je höher gebildet, desto eher – die Verwirklichung ihres Kinderwunsches immer weiter hinaus; auf der anderen Seite werden ungeplante Kinder immer früher geboren. Auf der einen Seite tun sich diejenigen, die über viele Voraussetzungen dafür verfügen, dass Kinder behütet und gefördert aufwachsen können, mit dem Ja zu Kindern immer schwerer; auf der anderen Seite wächst die Zahl der Kinder in Familien, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Von den 15,2 Millionen Kindern in Deutschland leben 1,5 bis 1,7 Millionen auf oder unter Hartz-IV-Niveau. In Berlin sind davon nicht nur zehn, sondern 30 Prozent betroffen.

Über viele Jahre galt der Gleichberechtigung der Frauen in Familie und Gesellschaft das Hauptaugenmerk. Dass Frauen unabhängig von ihrem Familienstand ihrer Erwerbsarbeit nachgehen können, dass alle Diskriminierungen von Frauen im Erwerbsleben, auch die unterschwelligen, abgebaut werden müssen, dass die Erwerbsarbeit von Frauen und ihre Rolle als Mutter sich mit gutem Gewissen verknüpfen lassen – all das ist eine bleibende Aufgabe. Sie verpflichtet aber dazu, auch die andere Seite in den Blick zu nehmen: die Männer, die potenziellen oder tatsächlichen Väter.

Nach wie vor erleben sich Männer – oft bemüht, die Ansprüche zwischen Beruf und Familie auszugleichen – in der Rolle des Haupternährers. Eine Familie zu gründen, bevor sie für deren angemessenes Auskommen sorgen können, kommt für viele Männer nicht in Betracht. Die Schwierigkeit, eine feste Arbeitsstelle und ein sicheres Einkommen zu finden, verhindert oft die Familiengründung. Viele noch kinderlose Männer wollen gerne Vater werden, sehen sich aber durch eine Kollision mit anderen Lebensinteressen daran gehindert. Solche ernst zu nehmenden Sorgen dürfen jedoch nicht länger ein Gewicht entwickeln, durch das sie für viele Männer das Glück einer Vaterschaft verhindern.

Aber die faktische Rolleneinengung der Männer lässt sich dadurch nicht rechtfertigen. Zeit mit Kindern zu verbringen, ist nicht nur ein Glück für die Kinder, sondern auch für die Väter. Sich möglichst weite Bereiche der Haus- und Erziehungsarbeit partnerschaftlich zu teilen, hilft Frauen wie Männern. Der Wechsel zwischen Berufs- und Familienphasen wird nur glaubwürdig sein, wenn an ihm Männer genauso beteiligt werden wie Frauen.

Auch für eine bewusste Entscheidung gegen Kinder gibt es Achtung gebietende Gründe. Da sind diejenigen, die ungewollt kinderlos bleiben, aber den Weg zur künstlichen Befruchtung nicht beschreiten wollen. Da sind Paare, die schon mehrere Kinder unter der Schwangerschaft verloren haben oder denen ein Kind mit einer seltenen Erbkrankheit im Säuglingsalter gestorben ist; wer wollte ihnen verdenken, dass sie sich vor einem weiteren Verlust dieser Art fürchten. Da sind Menschen, die um das deutlich erhöhte Risiko einer schweren Erbkrankheit wissen und sich deswegen gegen eigene Kinder entscheiden. Und es gibt Paare, die sich von Gott auf einen anderen Lebensweg berufen wissen, sich erst in einem vorgerückten Alter kennen gelernt haben oder ihrem Einsatz für die Menschen und die Gesellschaft eine ganz andere Wendung geben.

Aber solche Situationen betreffen nur eine kleine Minderheit derjenigen, die Kinder bekommen und für sie Verantwortung übernehmen könnten, es aber nicht tun. Die ganz überwiegende Mehrheit kann Kinder bekommen. Im Wege steht, vor allem nach der Auskunft vieler Frauen, dass sich kein verlässlicher Partner findet, der das gemeinsame „Abenteuer Kind“ auf sich nehmen will. Darüber hinaus ist es – besonders für Männer – nicht mehr und nicht weniger als eine Frage der persönlichen Prioritäten, ob Menschen sich auf ein Kind einlassen oder nicht.

Die Zahl derjenigen, die sich in jungen Jahren Kinder wünschen, ist größer als die Zahl derer, die diesen Wunsch verwirklichen. Die Zahl der Kinderlosen, die im Nachhinein den Verzicht auf Kinder bedauern, ist höher als die Zahl derer, die dies unverändert für richtig halten. Der aufgeschobene und verspätete Kinderwunsch wird für viele zu einem Schlüsselproblem.

Dabei sind die so genannten „Betreuungsangebote“ in den Kindertagesstätten gewiss nicht zu unterschätzen. Dass eine derartige Unterstützung auf verlässliche Weise erreichbar ist, wird es vielen erleichtern, sich auf eine Zukunft mit Kindern einzustellen. Doch eine eindeutige Relation zwischen Betreuungsgrad und Geburtenrate gibt es gerade nicht, wie die Lage in den ostdeutschen Bundesländern zeigt. Das Ja zu Kindern entsteht nicht schon durch die Erwartung, dass man sich um ihre „Betreuung“ nicht zu sorgen bräuchte.

Wo die Bereitschaft zu Kindern abbricht, hat das Folgen bis ans Ende des Lebens. Ob Menschen bis ins hohe Alter hinein in soziale Kontakte eingebunden bleiben, hängt entscheidend davon ab, ob sie eigene Kinder haben. Das Netz der Familie trägt noch im Alter. Das wusste schon das Volk Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste, dem das Gebot Gottes mit auf den Weg gegeben wurde: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Land, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Denn dieses Familiengebot schlechthin bezieht sich auf das Verhältnis erwachsener Männer und Frauen zu ihren alt gewordenen Eltern.

Familien leben in einer großen Bandbreite zwischen Netzwerk und Patchwork. Das beherzte Ja zu Ehe und Familie trägt keine Geringschätzung anderer Lebenssituationen in sich. Deshalb tritt die evangelische Kirche mit Nachdruck dafür ein, dass Kinder im Rahmen von Ehe und Familie aufwachsen können; sie bestärkt Eltern darin, in ihrem Lebensentwurf dem Aufwachsen von Kindern Raum zu geben und sich dafür Zeit zu nehmen. Nach wie vor wachsen mehr als drei Viertel aller Kinder bei ihren beiden leiblichen Eltern auf. Ein Kind zu bekommen, ist keine Garantie und erst recht kein Rettungsanker für eine Partnerschaft. Aber für viele Paare ist es ein großes Lebensglück, das Aufwachsen ihrer Kinder gemeinsam zu erleben.

Das vermindert nicht den Respekt für das Lebensglück und die Leistung von Alleinerziehenden, von Ein-Eltern-Familien; sie verdienen besondere Anerkennung und Unterstützung. Es gibt vielfältige Gründe dafür, dass Kinder nicht im Rahmen einer Ehe aufwachsen können. Keineswegs liegt dem immer eine persönliche Entscheidung gegen das Leitbild der Ehe zugrunde; die lebensgeschichtlichen Ursachen dafür sind vielmehr mannigfach. Der Respekt für diese Lebenssituationen schließt auch die Aufgabe ein, den Ursachen, die Eheschließung und Familiengründung behindern, nachzugehen und bei deren Überwindung zu helfen.

Das Zusammenleben in Familien kann misslingen; dennoch gibt es zur Familie keine Alternative. Ihre Bedeutung dafür, dass und wie Kinder ihren Ort in der Welt finden, lässt sich durch nichts ersetzen. Das spüren Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer am deutlichsten. Ihre Anstrengungen bleiben oft wirkungslos, wenn sie in der Erziehungsleistung der Familie keine Entsprechung finden. Wenn gegenwärtig – ausgelöst durch die Vorgänge an der Rütli-Oberschule in Berlin-Neukölln – die Angst vor einer „unregierbaren“ Schule umgeht, dann sieht man am allerdeutlichsten, was geschieht, wenn die Familie ihrer Erziehungsfunktion nicht mehr nachkommt und Verwahrlosung um sich greift. Es ist höchste Zeit, dass die geringschätzige Rede von der Familie als „Auslaufmodell“ aufhört. Stattdessen muss mit Nachdruck von der unvertretbaren und unverzichtbaren Verantwortung der Familie und insbesondere der Eltern die Rede sein.

Bei allem Respekt vor kinderlosen Lebenssituationen und vor unterschiedlichen Lebensformen ist es wieder an der Zeit, zum Ja zu Kindern zu ermutigen. Wer mit Kindern oder Enkeln zusammenleben darf, wird jeden Tag erfüllt von der Freude, Zeuge dieses Gottesgeschenkes zu sein. Bei mancher Mühsal des täglichen Lebens wird er immer wieder angesteckt von der Unbeschwertheit, der Neugier, oft auch der heilsamen Infragestellung durch Kinder. Mit Kindern zu leben, heißt, ständig herausgefordert zu sein. Das Leben mit Kindern ist ein Aufbruch. Sie machen die Anfänglichkeit und Unabgeschlossenheit des Lebens heilsam bewusst.

Zu der Offenheit, die ein Leben mit Kindern mit sich bringt, gehören Unwägbarkeiten und Unsicherheiten. Auch deshalb ruft das Leben mit Kindern Glaubensfragen wach, bei Kindern wie bei Erwachsenen. Es ist ein Wagnis, das die Frage nach einem stabilen Grund stellt. Eine Gewissheit wird gesucht, in der das Ungewisse uns nicht in Angst versteinern lässt. Eine Kraft wird erbeten, die dazu ermutigt, sich auf Unsicherheiten einzulassen. Deshalb ist auch Erwachsenen das Gebet dann besonders nahe, wenn sie mit Kindern beten können.

Wenn alle, die Familie als Glück erfahren, dieses Glück nicht nur weitersagen, sondern auch weitertragen, dann werden wir eine gute Zukunft mit Kindern haben.

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