Zum Papst : Höchst menschlich

Jahrtausende zu bestehen, ist keine Garantie, dass Fundamente nicht brüchig werden können. Es mag sein, dass dieser Papst deshalb keine Abspaltung ins Ultrakonservative auf Dauer zulassen will. Er ist nur ein Mensch, kann Irrtümern unterliegen, ist fehlbar. Die gegenwärtige Krise hat auch ihr Gutes.

Stephan-Andreas Casdorff

Millionen Menschen, wenn nicht Milliarden, glauben nicht an Gott. Sie glauben nicht an die Institution Kirche, daran, dass sie segensreich Sinn stiftet, Werte setzt, moralische Instanz ist. Warum dann, um Himmels willen, interessieren sich so viele für den Papst und das, was er tut oder unterlässt? Der Versuch einer Antwort lautet: Weil, erstens, der oberste Katholik andererseits für die vielen seiner Konfession der Bezugspunkt ist. Weil er zweitens eben durch seinen umfassenden Anspruch für Atheisten eine ständige Herausforderung ist, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Und weil drittens das Papsttum nicht nur kulturell bedeutsam ist, sondern immer auch politisch war.

Der Papst ist konservativ von Amts wegen. Ihm ist aufgetragen, das zu bewahren, was aus Sicht der Kirche zu bewahren sich lohnt. Darüber wacht die Kurie in Rom, und wer verändern will, trägt die Beweislast. Veränderungen wollen Weile haben, weil auch diese Kirche Weile hat, so lange, wie sie schon existiert, Jahrtausende. Das Zeitmaß ist ein anderes, es ist das der gelehrten Disputation, an deren Ende – das den Einzelnen überdauern kann – eine Entscheidung gereift ist. Und dieser Papst? Benedikt XVI. ist Konservativer aus Berufung. Da er die Dinge der Kirche, des Glaubens, der Tradition so tief durchdringt, macht ihn das besonders interessant. Doch weil die Zeichen der Zeit manchmal rascher daherkommen, der Kalender auch in Tagen und Wochen misst, nicht nur in Jahrzehnten oder Jahrhunderten, wirkt er in seiner gelehrten Langsamkeit reaktionärer, als er es selbst wollen wird. Wollen kann – weil sein Amt immer auch politisch ist.

Dass der Ostblock zerbröselte, ist mit das Werk eines Papstes. Johannes Paul II. war konservativ normsetzend, in seiner Ablehnung zum Beispiel der Empfängnisverhütung oder der Theologie der Befreiung ohne barmherzigen Blick auf die Ärmsten, und er war es in seinem Wirken für die Freiheit und gegen die alles okkupierende Sowjetmacht. Beides zusammen ist höchst politisch, es hatte direkten Einfluss sowohl auf die Debatten der Gesellschaft als auch auf deren Entwicklung, kurzfristig wie längerfristig. Darum ist das Tun dieses Papstes nicht nur in einem erstaunlich profanen, ja einfältigen Maß aktuell unpolitisch, sondern kann auch auf Benedikts Zeitmaß gesehen längerfristig eine Schwächung des Papsttums zur Folge haben.

Nicht immer mit der Zeit gehen zu wollen, ist für sich genommen kein Wert; gänzlich aus der Zeit zu fallen, kann den Wert des Amtes beschädigen. Es ist sogar eine Frage der Professionalität, sich der Gegenwart gewachsen zu zeigen. Jahrtausende zu bestehen, ist keine Garantie, dass Fundamente nicht doch auch brüchig werden können. Es mag sein, dass dieser Papst deshalb keine Abspaltung ins Ultrakonservative auf Dauer zulassen will, um nicht einer anderen Kirche das Wort zu reden, um aus Anhängern des Lefebvre keine anderen Lutheraner zu machen. Nur ist das nicht die Dimension, und die Gefahr eines derartigen Schismas besteht nicht. Eher würde dieser Papst das weitere Abfallen von Reformwilligen provozieren, wollte er Kritik ignorieren.

So hat die gegenwärtige Krise durchaus Gutes, Heilsames. Sagen wir einfach: Die katholische Kirche ist auch nur eine Kirche. Ihr Oberhaupt ist auch nur ein Mensch. Beide können Irrtümern unterliegen, sind fehlbar. Das macht die Auseinandersetzung mit ihnen nicht weniger wertvoll – auch eine Abgrenzung kann segensreich sein.

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