Meinung : Zur Nostalgie kein Anlass

Roger Boyes, The Times

-

Die meisten englischen Kinder, die in den 50ern aufwuchsen, hatten keine Ahnung, welchem Broterwerb ihre Väter nachgingen. Sie verließen morgens das Haus, kamen spät wieder und sprachen nie über ihre Arbeit. Meiner, das weiß ich, war beim Militär und hatte pompöse Kumpels, die kein Interesse an einem Siebenjährigen hatten. Die einzige Ausnahme war der Schotte Jim, der unser Haus auf den Kopf stellte. Er schrammelte auf der Gitarre und zwang meine Eltern mit ungeübten Stimmen schottische Volkslieder über das Umbringen von Engländern zu singen. Jims größter Vorzug war jedoch sein Land Rover, stupsnasig und dreckverschmiert, den ich lenken durfte und so die gefährlichsten 90 Sekunden meines Lebens durchlebte.

Seitdem bin ich ein LandRover-Romantiker. Ich bin, das ist nicht zu leugnen, kein Safari- Mensch und meine Knochen sind für Querfeldein-Unternehmungen viel zu brüchig. Aber Land Rovers sind sexy; könnte man den konzentrierten Geruch von Öl, Leder und Schweiß in Flaschen abfüllen, man wäre ein reicher Mann. Verständlicherweise war ich elektrisiert, als ich hörte, dass sich 400 Land Rovers auf dem alten sowjetischen Manöverplatz in Horstwalde versammeln. 400 – eine ganze Armee! Wenn die vor dem Kanzleramt geparkt hätten, Schröder wäre mit erhobenen Händen rausgekommen. Obwohl ich mir lieber nicht vorstellen möchte, was die mit ihm als Gefangenen angestellt hätten.

Draußen in Horstwalde, während sie Hasen grillten, verschafften die Fahrer ihrem Ärger über die ideologische Arroganz von Rot-Grün Luft. Irgendeiner in der rot-grünen Regierung hatte entschieden, dass Fahrer von Geländewagen bestraft werden sollten: sie sind reich, sie fahren mit ihren Riesenautos zum Einkaufen und sie verpesten die Luft mit Kyoto-verletzenden Gasen. So kam es, das Geländewagen, früher steuerlich als Lkws klassifiziert, nun zu Pkws wurden. Den Reichen macht das natürlich nichts aus, aber die meisten Land-Rover-Fahrer sind bescheidene, eigenständige Typen, denen die Brieftasche nicht so locker sitzt. Viele sind Bauunternehmer oder Bauern, die ihre Autos für den Job brauchen. Dank eines schädlichen Eifers des Regierung werden die Besitzer der älteren Modelle ihre Autos abschaffen müssen. Sie können es sich nicht leisten, die achtfache Kfz-Steuer zu bezahlen.

Der Autokanzler war das schlimmste, was der deutschen Autoindustrie und den Autobesitzern in mehr als 30 Jahren passiert ist. Er hat sich gegenüber den Grünen nicht durchgesetzt und wurde so zum Gefangenen ihrer Dogmen. Der einzige Logik im Verteuern des Autos läge darin, die Leute zum Zugfahren zu überreden. Aber die in Richtung Privatisierung stolpernde Bundesbahn erscheint kränklicher denn je. Hin- und hergerissen zwischen dem eigenen verworrenen Gedankengut und den Lobbyisten hat diese Bundesregierung Steuerzahler und Konsumenten im Stich gelassen.

Ein paar traurige und enttäuschte Land-Rover-Fahrer landen nicht weit oben auf der Skala menschlicher Tragödien, nicht in einem Jahr der Tsunamis und Wirbelstürme. Sie sind jedoch eine Mahnung, dass man über das Erbe von Rot-Grün nicht sentimental werden sollte. In einigen Medien ist schon Nostalgie zu spüren.

Der Ansturm auf die Privatsphäre, der Drang, das kollektive Vorurteil zur Politik zu machen, war der unheilvolle Fehler der Schröder-Jahre. Rot-Grün wollte aus Deutschland angeblich eine tolerantere Gesellschaft machen. Stattdessen ist sie auf dem Kleinen Mann rumgetrampelt und hat die Mittelschicht zum Opfer gemacht. Es war die Dosenpfand-Regierung, so schwach geführt, dass sie sich im Detail verfing und schwachsinnige Regeln diktierte, statt sich den wahrhaft komplexen Fragen zu stellen. Eine der letzten Kabinettsentscheidungen war das Verbot von Vorher/Nachher-Bildern für Schönheitschirurgen – der absurde Abschiedsgruß einer Regierung, die nie einen Begriff von Vorher oder Nachher gehabt hatte.

Die Aufgabe einer Regierung, egal welcher Farbe, ist es, das Selbstvertrauen der Nation wiederherzustellen. Das entsteht nicht durch „Du bist Deutschland“-Kampagnen, sondern die Ausweitung persönlicher Wahlmöglichkeiten. Wer auch immer das Land regiert, sollte aufhören, uns veraltete und unterdrückerische Weltanschauungen aufzuzwingen und anfangen, die wichtigen Themen anzugehen. Es war schon immer ein Fehler, zu denken, man könne diese Aufgabe den 68ern überlassen. Es war ein schlechtes Jahr für Wein und ein noch schlechteres für die Geburt einer neuen politischen Klasse.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben