Meinung : Zur Sache, Chefchen

Wir betrachten die Dinge mit jungen und alten Augen

Ihr Hellmuth Karasek

Liebe Kerstin Kohlenberg, Ferien, Hundstage, ich bin in Südfrankreich unterwegs, mit dem Auto, manchmal im Stau und überall „Péage“ (Maut). Selbst wenn man Geld ins Körbchen wirft, gibt die Mautstelle automatisch das überzahlte Kleingeld zurück. Kurz: Es klappt. Und da fällt mir ein, dass Bundeskanzler Schröder die Maut zur „Chefsache“ erklärt hat und dass seit dieser Zeit nix passiert. Eben lese ich, dass der Kanzler auch Hartz IV zur „Chefsache“ erklärt hat – schon wird mir mulmig. Wie voll das tönt, „Chefsache“. Und mir fällt ein, was er nicht schon alles zur Chefsache erklärt hat: die Arbeitslosen, die neuen Bundesländer, die „Reformen“ und überhaupt alles, was schief geht. Dann denke ich, so alt muss man gar nicht sein, dass es einen graust vor dem geschwollensten Wort der Schröder-Kanzler-Zeit. Aber vielleicht reagiert man ja im Alter stärker allergisch als Sie, und Sie verbinden mit dem Wort noch so etwas wie Hoffnung! „Chefsache“, Ehrensache, Alphatier, großes Indianer-Ehrenwort.

Lieber Hellmuth Karasek,

das mit der Chefsache stelle ich mir so vor: Der Kanzler hatte aus Versehen mal früher frei, er fuhr nach Hause, ihm knurrte der Magen, aber keiner war da. Also rief er die Doris an, wo denn das Essen sei. Bei der war jedoch immer besetzt, sie arbeitete noch. Er rief ihre Tochter an, die aber auch nicht wusste, wo die Einkäufe waren, und die grünen Nachbarn waren im Urlaub. Der Kanzler fluchte laut, er hatte Hunger, und von draußen guckten schon die Polizisten, die ihn auf Schritt und Tritt bewachten, kopfschüttelnd rein. Gab es Streit im Kanzler-Haus? Der Kanzler überlegte, die Haushaltskasse war leer, dann rief er ein Taxi und sagte: Currywurst. Der Fahrer legte den Gang ein und fuhr zur besten Bude der Stadt. „Hier kocht der Chef noch selbst“, stand da. Der Kanzler bestellte, lehnte sich erschöpft gegen den kleinen Tisch und dachte, „so ein Schild lasse ich mir auch machen: Hier regiert der Kanzler noch selbst, Chefsache!“

Ihre Kerstin Kohlenberg

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