Meinung : Zurück aus der Zukunft

Mobilcom hatte den Mut zum Risiko – und ging daran zugrunde

NAME

Von Corinna Visser

Es ist die Geschichte eines angekündigten Todes: das Scheitern von Mobilcom. Zuerst stieg die Verschuldung, dann sackte der Börsenkurs durch. Der Krach zwischen den Eigentümern kam dazu, die Krise der Telekommunikationsindustrie. Der Kollaps von Mobilcom aber ist mehr als das Ende einer glücklosen Unternehmensstrategie. Er spiegelt das Schicksal einer Branche wider und er erzählt von Politikern und Unternehmenslenkern, die sich verrechnet haben.

Dass das Ende sich ausgerechnet in der Schlussphase der Bundestagswahl ereignet, passt auch zu Mobilcom: Große Inszenierungen und dramatische Appelle sind immer ein Stilmittel von Gerhard Schmid, dem Gründer, langjährigen Chef und Großaktionär, gewesen. Dass er nun auf die Politiker schimpft, die sich zu spät eingemischt hätten, ist ebenfalls kühl kalkuliert: Neun Tage vor der Wahl reagieren Ministerpräsidentin Heide Simonis und das Kanzleramt nervös. Aber das Unternehmen retten sollten sie nicht. Wenn der Staat nun einem Unternehmen der Branche Geld zuschießen würde, müsste er allen anderen – inklusive der Deutschen Telekom – auch unter die Arme greifen. Denn deren Lage ist ähnlich desolat.

Im Jahr 2000, als alle an eine großartige Entwicklung für die Telekom-Branche und für die neue UMTS-Technik glaubten, hat Mobilcom wie fünf andere Unternehmen eine Wette auf die Zukunft gemacht. Die UMTS-Lizenzen waren den Unternehmen zusammen 50 Milliarden Euro wert. Heute ist klar, dass die spektakuläre Auktion dramatische Nebenwirkungen hat: Den Unternehmen fehlt das Geld für Investitionen, sie machen Verluste und zahlen keine Steuern mehr.

War die Lizenzvergabe deshalb falsch? Nein. All die Kritik ändert nichts an der Tatsache, dass es nur eine faire und ökonomisch sinnvolle Art gibt, knappe Güter, wie etwa Lizenzen, zu vergeben: durch eine transparente Auktion. Es waren erfahrene und berechnende Unternehmer, die entschieden haben, soviel Geld zu bezahlen, nicht die Politik. Die Unternehmer dachten, dass sie es sich leisten könnten – und dass die Lizenzen sich auszahlen werden. Heute wissen wir, dass sie sich verrechnet haben. Die Euphorie ist verflogen. Jetzt wachsen die Zweifel, ob sich die teure Technik jemals rentieren wird. Diese Zweifel haben die ganze Branche in die tiefste Krise ihrer Geschichte gestürzt.

Mobilcom ist aber auch die Geschichte von Gerhard Schmid. Der war 1998 angetreten, die Deutsche Telekom herauszufordern. Die Telekom sah in ihm einen Zocker, der mit minimalen Investitionen auf fremden Leitungen die schnelle Mark machen wollte. Ein Zocker ist er immer geblieben. Zuletzt versuchte er, seinen Partner France Télécom zu zwingen, seine UMTS-Investitionen zu bezahlen, egal in welcher Höhe. Diesmal hat er zu hoch gepokert. 5500 Beschäftigte, die Schmid lange als Macher verehrt haben, sind jetzt ihre Jobs los. Und Schmid zockt weiter – um Schadenersatz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben