Meinung : Zurück in den Elfenbeinturm

Der Kompromiss bei der Rechtschreibung ist überflüssig – und nützt vor allem den Reformgegnern

Anja Kühne

Die Rechtschreibreform ist ein Stück aus dem Tollhaus. Einen weiteren Akt schreibt jetzt die Arbeitsgruppe des Rats für deutsche Rechtschreibung. Unmittelbar bevor die seit 1998 in den Schulen gelehrte neue Rechtschreibung im August verbindlich wird, empfiehlt das Gremium zahlreiche Änderungen. Diese wiegen so schwer, dass der Duden überarbeitet werden müsste, die Schüler umlernen und Schulen neue Bücher kaufen müssten, sollten die Vorschläge umgesetzt werden.

Welche Reichweite der „Kompromissvorschlag“ der Arbeitsgruppe hat, geht schon aus der Befriedigung hervor, die Theodor Ickler, die Speerspitze der Reformfeinde, äußert. Die „sogenannte Rechtschreibreform“, stellt der Sprachwissenschaftler voller Genugtuung fest, werde in der Getrennt- und Zusammenschreibung „nahezu vollständig zurückgenommen“. Das Papier der Arbeitsgruppe stelle einen „radikalen Neuansatz“ dar.

Genau den galt es aber bei der Anpassung der Reform zu vermeiden. Denn Schüler und Bücheretats sollten nicht zusätzlich belastet werden. Das war das Ziel der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, die für die Regeln zuständig war – bis sie dem öffentlichen Druck zum Opfer fiel und durch den Rat für deutsche Rechtschreibung ersetzt wurde. Ihm gehört eine Reihe von Reformfeinden an, die sich nun zur Geltung bringen.

Dabei waren sie es, die kampagnenartig jede moderate Regelanpassung durch die Zwischenstaatliche Kommission als Katastrophe dargestellt hatten: Die Schüler müssten tausende von Wörtern des Reformwerks neu lernen, wurde behauptet. Dies war damals eine maßlose Übertreibung. Die Kommission hatte mit Augenmaß Varianten eingearbeitet, auch, um Kritik aufzunehmen. Erst jetzt könnte wirklich eine Lawine auf die Schüler zurollen.

Die Reformgegner einen unterschiedliche Motive. Ältere Schriftsteller und altmodische Zeitungen wehren sich einfach gegen „Sprachverhunzung“. Bessere Argumente haben Linguisten. Doch welcher normale Schreiber will schon darüber nachdenken, ob „Verbindungen vom Typus direktes Objekt und Partizip“ zusammen- oder auseinander geschrieben werden? Die meisten Menschen wissen vermutlich nicht einmal, was ein direktes Objekt ist. Das mag man bedauern.

Doch die Kritiker, unter ihnen so mancher Fanatiker, sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass die nachwachsende Generation die alten Schreibungen nicht vermisst. Sie hat sie nie kennen gelernt. Die Lehrer sind zufrieden mit den Erleichterungen, die die Reform gebracht hat. Der Kampf der Reformgegner ist deshalb absurd. Sie sollten sich in ihre Elfenbeintürme zurückziehen. Denn die Schule hat weiß Gott andere Sorgen.

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