Meinung : Zurück zu Langsamkeit und Besinnung

Zwischenruf zum „Burn-out“

vom 23. Oktober

Ich empfinde es als sehr bedenklich, wenn Sie Hysterie, Midlife crisis, Erschöpfungszustände, Sinnkrisen im mittleren Lebensalter und Burn-out-Syndrom in einen Topf werfen. Burn-out bei Arbeitnehmern ist eine Folge betriebswirschaftlicher Maßnahmen: In den letzten 20 Jahren hatte das Bestreben, Lohnkosten zu senken, erste Priorität, was zur Folge hatte, dass immer weniger Arbeitnehmer das gleiche, wenn nicht sogar mehr Arbeitsvolumen zu bewältigen haben als früher. Gleichzeitig wurden „Qualitätssicherung“ und „Evaluation“ zu neuen Mantras, was für viele Arbeitnehmer zusätzliche bürokratische Arbeit bedeutet. Der Arbeitnehmer ist betriebswirtschaftlich zur rein rechnerischen Größe geworden, so wie eine Milchkuh, deren Wert nach den täglich abzumelkenden Litern berechnet wird.

Burn-out ist ernst zu nehmen: Es kann Folge fehlender Wertschätzung sein. Burn-out ist sehr häufig Folge eines andauernden inneren Konflikts des Arbeitnehmers zwischen dem eigenen Qualitätsanspruch und dem, was unter den gegebenen Umständen machbar ist. Burn- out kann entstehen, wenn die Sinnhaftigkeit der erteilten Aufgaben im Zusammenhang mit der eigentlichen Arbeit nicht mehr erkennbar ist.

In noch gar nicht so weit zurückliegenden Zeiten konnten sich ermattete Arbeitnehmer im mittleren Lebensalter in weniger belastende Tätigkeiten zurückziehen, oder sie wurden berentet oder starben in Folge von Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Frauen konnten sich vorzeitig aus dem Arbeitsleben zurückziehen, wenn sie in einer bestimmten Phase ihres Lebens eine entsprechende Anzahl von Rentenversicherungspflichtbeiträgen eingezahlt hatten.

Und was ist heute? Überstunden ohne Freizeitausgleich, Leistungsanspruch des Arbeitgebers ohne Rücksicht auf das Lebensalter, Konkurrenzdruck und das sichere Wissen, dass der Arbeitgeber den Arbeitnehmer nur als rechnerische Einheit betrachtet, die entsorgt werden kann, wenn sie sich nicht mehr rentiert. Heute werden Arbeitnehmer „verbrannt“. Und es ist höchste Zeit, dass die Steuern zahlenden Menschen in diesem Lande sich dies bewusst machen, wieder Selbstfürsorge entwickeln und sich hoffentlich irgendwann von den Arbeitgebern den Respekt und die Wertschätzung einfordern, die ihnen zustehen.

Annette Lichtenberg,

Berlin-Lichtenrade

Zum wiederholten Mal spricht mir Frau Weidenfeld mit ihrem Beitrag aus der Seele. Ich würde den Beitrag „Burn-out“ aber gerne um einige Anmerkungen ergänzen: Die Erschöpfungszustände vieler Bürger beruhen auch darauf, dass sie beruflich oder privat kaum noch Zeit für ihr eigenes Leben haben. Im Berufsleben gibt es „dank“ Mails, Handy, Internet, Telefonkonferenzen u.a. kaum eine Atempause; den ganzen Tag herrscht Hektik. Und wenn dann endlich Feierabend ist, hat man möglichst schon einen Knopf im Ohr und lässt sich berieseln und am Abend schaltet man den Fernseher an. Wie soll man sich da erholen?

Das Freizeitverhalten der Erwachsenen gilt auch für viele Kinder und Jugendliche. Bei denjenigen, die das Pech haben unter den neuen Bedingungen zur Schule zu gehen, kommt noch der enorme Schulstress hinzu, insbesondere bei den höheren Klassen. Diese kommenden Jahrgänge werden wahrscheinlich noch früher unter Erschöpfungszuständen leiden. Da muss sich viel ändern in unser aller Leben – zurück zu Langsamkeit und Besinnung.

Christa F. Krüger, Berlin-Schöneberg

Dieser Kommentar hat mich sehr geärgert. Bei meinen Patienten und im Freundeskreis höre ich sehr wohl von katastrophalen Arbeitsbedingungen. So müssen im Post- und im Bankbereich sowie anderen Dienstleistungsbereichen von Mitarbeitern Produkte an den Mann gebracht werden, hinter denen sie nicht stehen. Wenn sie nichts verkaufen, bekommen sie Ärger mit dem Chef, der sicherlich seinerseits unter Druck steht. Den Mitarbeitern wird vermittelt, dass sie jederzeit austauschbar sind. Gleiches gilt für Callcenter, wo es z. T. sittenwidrige Verträge gibt. Vielleicht sollten Sie das einmal recherchieren. Oft werden Mitarbeiter auch durch geringe Arbeitszeiten unter Druck gesetzt, mit dem Versprechen, bei Wohlverhalten einen Vollzeitjob zu bekommen. Aus Angst vor dem Arbeitsamt trauen sie sich dann nicht zu kündigen. All dieses macht Menschen hilflos. Viele denken dann, sie seien selbst schuld an der Situation, so wie es in Ihrem Kommentar anklang. Aber diese Verhältnisse können durchaus Menschen in Depressionen, sprich Burn-out treiben.

Christine Baden,

Berlin-Charlottenburg

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