Meinung : Zurück zum 19. September

Von Malte Lehming

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Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, und ein Narr, wer überhaupt etwas dabei denkt. Ach ja? Am vergangenen Wochenende empfahl Joschka Fischer seiner Partei, neue Bündnisse ins Auge zu fassen. In einem Fünfparteiensystem gebe es für die Grünen nur zwei Konstellationen, sagte er ebenso richtig wie klar, die schwarze oder die rote Ampel. Dieser Rat war gewissermaßen das Vermächtnis des künftigen Princeton-Professors, im Vorberuf Partei- und Weltstratege. Natürlich hagelte es Kritik – das sei Ablenkung, realitätsfern, eine Debatte zur Unzeit. Damit war zu rechnen.

Doch fast zeitgleich wurde bekannt, dass sich Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn am vergangenen Freitag mit dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle getroffen hatte. Reine Routine, hieß es hernach beschwichtigend. Wirklich? Außerdem kommen des Öfteren ein paar Jungpolitiker aus CDU, Grünen und FDP zusammen. Auch das wird offiziell nicht weiter ernst genommen. Folglich wird ebenfalls heruntermoderiert, dass Fischer am Montagabend mit Wolfgang Schäuble, dem Schwergewicht der CDU, diniert hatte. Der Termin sei kurzfristig vereinbart worden.

Nun gibt es Zufälle selbst in der Politik. Doch was es dort ebenfalls gibt, sind Überraschungen. Die große Koalition wird täglich unbeliebter. Eine Mehrheit der Deutschen hält ihre Leistungen für schlecht. Darunter leiden beide, Union wie SPD. Die Union liegt in jüngsten Umfragen bei einem Jahrestief von 32 Prozent, die SPD bei 28. Da verwundert es nicht, dass die etwas flexibleren und phantasievolleren Politiker ihre Fühler in neue Himmelsrichtungen ausstrecken. Mental knüpfen sie an den 19. September an, den Tag nach der letzten Bundestagswahl, diesmal freilich unter einer anderen Prämisse: Mal angenommen, die große Koalition scheidet als Option aus, welche Mehrheiten wären dann bündnisfähig? Die Vorbehalte gegen eine Ampel sind bekannt. Liberale und Grüne seien wie Hund und Katz, heißt es, CSU und Grüne trennten Welten. Das stimmt natürlich – und taugt trotzdem nur begrenzt für ewig gültige Vorhersagen. Am stärksten profitiert die FDP von dem großkoalitionären Negativimage. Doch auch ihr nützen ein paar Prozentpunkte wenig, wenn sie keinen Zugewinn an realer Macht bedeuten. Wer nicht regiert, lebt verkehrt.

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