Meinung : Zurückgeschrieben: Das Porträt eines politischen Radfahrers

Betrifft: "Gysis Fahrradkurier" im Tagesspiegel vo

Betrifft: "Gysis Fahrradkurier" im Tagesspiegel vom 4. Januar 2002

Gustav Adolf Schur wurde 1953 auf Anhieb Dritter der Friedensfahrt, 1955 erstmals deren Dominator. Nach Abschluss seiner Sportler-Laufbahn ließ er seinen Ruhm von Partei und Staat kräftig ausnutzen. Vor allem als "Grüßgott-August". 32 Jahre, von 1958 bis zum Republikende, hat er den stressigen Job eines Volkskammerabgeordneten ausüben dürfen, zum "Abnicken". Uwe Johnson hat bereits 1964 in seinem beeindruckenden Roman "Das dritte Buch über Achim" den Lebenslauf des DDR-Spitzensportlers und Volkskammerabgeordneten "Achim" alias Schur beschrieben.

Zitat Schur: Trotz aller Fehler ist die Grundhaltung richtig gewesen. Bei uns hat es keine Arbeitslosen gegeben und Krieg auch nicht. Keine Kriege, kein Blutvergießen in Schurs 32 Volkskammerjahren? Einige Gedächtnisstützen: Bau des antifaschistischen Schutzwalls am 13. August 1961. 28 Jahre lang wurden an der Mauer nach bewährter deutscher Manier Menschen wie Hasen gejagt und "auf der Flucht" erschossen. Allen Maßnahmen hat der Volkskammerabgeordnete Schur seine Zustimmung - direkt oder indirekt - erteilt. Brav die Hand gehoben hat er auch bei Entscheidungen über den Einmarsch in das Bruderland CSSR 1968, beim Überfall der ruhmreichen Sowjetunion auf Afghanistan 1980, bei Maßnahmen gegen die aufrührerischen Polen.

Gustav Adolf Schur der gute Deutsche, der gute deutsche Radfahrer, der gute deutsche Radfahrer und Politiker. Wäre Heinrich Mann diesem buckelnden und tretenden Expedaleur noch begegnet, er hätte seinem "Untertan" Diederich Hessling noch ein Velo zugeschrieben. - Natürlich hat Schur auch einmal energisch "Nein" gesagt. Und das erst kürzlich. Als der Deutsche Bundestag sich endlich dazu durchrang, etwas für die bedauernswerten Opfer des DDR-Staatsdopings zu tun, da verweigerten sich tapfer Onkel Täve und Speerwurf-Olympiasiegerin Dr. Ruth Fuchs. Sie stimmten mit "Nein". Wie die gesamte PDS-Fraktion.
Friedrich-Karl Brauns, Berlin-Frohnau

Schurs Antwort:

Herr Friedrich-Karl Brauns ist ein bemerkenswert sachlicher Journalist, der früher übrigens gerne mal in die DDR reiste, um von dort für die Westberliner Hörer zu berichten. Seine Anti-DDR-Haltung hatte also Grenzen.

Freunde, die ihn besser kennen als ich, wissen zu erzählen, dass er da gern als "Grüßgott-August" auftrat. Dass er die DDR, die Familie Honecker, Heinz-Florian Oertel und Täve Schur nicht mag, macht ihn nicht zur Ausnahmeerscheinung. Dass er - von sachlichen Fehlern abgesehen: Ich schaffte bei meiner ersten Friedensfahrt nur den zehnten Rang - seine Meinung heute zynisiert, ist seine Privatangelegenheit. Er lebt eben schon länger in dem Land, in dem die Würde des Menschen unantastbar sein soll. Dass er ausgerechnet Uwe Johnson als Kronzeugen aufruft, der sich nicht mehr wehren kann, von jedem Antikommunisten zitiert zu werden, spricht nicht so sehr für ihn.

Ich habe aus Brauns Zeilen nur entnommen, was er gar nicht geschrieben hat: Er wird mich nicht wählen! Bei den letzten Wahlen entschieden sich bekanntlich einige Wähler für mich und so antworte ich ihm mit Franz Beckenbauer: "Schaun mer mal".


Gustav-Adolf Schur (PDS), MDB

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