Meinung : Zurückgeschrieben: Fantasy-Literatur

Betrifft: "Hunger nach Fantasie" im Tagesspiegel v

Betrifft: "Hunger nach Fantasie" im Tagesspiegel vom 20. Dezember 2001

Sehr geehrter Herr Martenstein, die Idee, dass sich die Schriftsteller davon verabschiedet hätten, Wirklichkeit zu reflektieren, mag Sie darüber hinwegtrösten, dass Sie selbst vor dem Phänomen Harry Potter wegknicken, statt es zu kritisieren. Nur weil immer weniger Schriftsteller glauben, klüger als Politiker zu sein, bleibt doch der Wunsch, die (eigene, fremde) Welt zu verstehen, entscheidende Triebfeder für Wissenschaft und Kunst. Das "Bedürfnis" vieler Menschen nach Harry Potter ist nicht minder real als das mancher Kritiker, Neues zu verabscheuen, nur weil es anstrengend ist.

Das Bedürfnis nach Ablenkung und Illusion ist vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Coca-Cola und Zuckerwatte und hat beileibe nicht "Recht, weil es da ist". Bedürfnisse werden in Konsumgesellschaften gezielt geweckt. Solange es Krieg, Terror und Naturkatastrophen gibt, wird das Bedürfnis nach Fantasiewelten von Kräften geschürt, deren Interesse an den entscheidenden Problemen der Welt eher gering ist.

Für mich ist die schönste Welt keine Fantasiewelt, sondern die wirkliche: Nur befassen sich die meisten Menschen nicht mit der Frage des Verhältnisses von Fantasie und Welt, dafür sind Schrifsteller da, und sie können diese Aufgabe annehmen oder sich darum kümmern, möglichst leicht viel Geld zu verdienen. Der Triumph von Harry Potter ist nicht der Triumph einer bestimmten Art von Literatur, sondern der Triumph einer gigantischen Literaturmaschinerie.

Katharina Schäfer, Berlin
(Schriftstellerin und Mutter dreier Kinder)


Martensteins Antwort

Liebe Frau Schäfer, Sie haben eine zu schlechte Meinung von uns. Wir schreiben meistens nüchtern. Sie haben auch eine zu schlechte Meinung von der Fantasie. Sie glauben, dass die Fantasie uns von den realen Problemen dieser Welt ablenkt. Ich sehe es umgekehrt. Ich glaube, dass wir die Welt gar nicht aushalten würden, wenn wir nicht gelegentlich träumen dürften. Wenn wir nicht träumen, sterben wir.

Wer hin und wieder in Traumwelten flieht, wird dadurch nicht zwangsläufig lebensuntüchtig oder stumpf. Es ist wie mit dem Schlafen und dem Wachsein - jeder von uns verschläft einen Teil seines Lebens, aber das hindert uns nicht daran, die übrige Zeit wach und aktiv zu sein.

Nun, der Wert der Fantasie ist vielleicht Ansichtssache. Aber in ein paar Punkten haben Sie sachlich nicht Recht. Zum Beispiel gibt unsere Gesellschaft keineswegs Millionen für Harry Potter aus - im Gegenteil, die Bücher und der Film sind ein gutes Geschäft. Sie machen nicht nur die Autorin reich, sondern verhelfen auch vielen anderen Leuten zu einem Job (über die Qualität der Bücher sagt das natürlich nichts). Der Triumph von Harry Potter ist auch nicht das Ergebnis von Manipulation oder anderen finsteren Machenschaften - nein, die Leser mögen diese Bücher ganz einfach. Niemand hat diesen Erfolg vorausgesehen.

Die Literatur und die Wirklichkeit: ein großes Thema. Auch die fantastische Literatur handelt von der Wirklichkeit, gerade sie kann die Wirklichkeit kritisieren. Kennen Sie "1984" oder "Die Farm der Tiere"? Bestimmt. Utopische, fantastische und gleichzeitig sehr politische Literatur. Kritik, in diesem Fall am Stalinismus.

Sie werfen mir vor, dass ich nicht über Krieg, Lawinen oder Überschwemmungen schreibe. Wissen Sie - mein Thema war in diesem Fall einfach ein anderes, und man kann nicht die ganze Welt und all ihre Katastrophen in einen einzigen Artikel packen. Man muss immer etwas weglassen. Man muss, genau gesagt, fast alles immer weglassen, denn die Welt ist groß und ein Artikel ist klein. Aber das bedeutet nicht, dass mir Lawinen und Überschwemmungen gleichgültig sind.

Noch etwas: Die "eigene" Fantasie, von der sie schreiben, wird durch die Beschäftigung mit den Fantasien anderer Menschen eher angeregt als eingeschränkt. Das hoffe ich jedenfalls. Denn sonst müssten wir Menschen ja unsere Träume vor unseren Mitmenschen immerzu geheimhalten.

Es grüßt Sie freundlich

Harald Martenstein
Leitender Redakteur

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