Meinung : Zurückgeschrieben: Machen Überstunden arbeitslos?

Betrifft: "Ein Skandal[saisonbereinigt" vom 5. Ja]

Betrifft: "Ein Skandal, saisonbereinigt" vom 5. Januar 2002 von Ursula Weidenfeld

Sehr geehrte Frau Weidenfeld

"skandalös" finde ich, wenn in einer seriösen Zeitung von der Leiterin des Wirtschaftsressorts anscheinend ungeprüft populistische Wahlkampfargumente aus dem Arbeitgeberlager übernommen werden.

Das Teilzeitbefristungsgesetz lässt befristete Arbeitsverhältnisse zur Schwangerschaftsvertretung unverändert unbegrenzt zu. Der Gesetzgeber hat lediglich klargestellt, dass befristete Arbeitsverhältnisse mit demselben Arbeitnehmer ohne einen solchen Grund nach einer Dauer von zwei Jahren ausgeschlossen sind.

Aber warum sprechen Sie nicht den Skandal an, dass wir in Deutschland bei 3,9 Millionen Arbeitslosen 1,9 Milliarden Überstunden zu verzeichnen haben, und dass 400 000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen würden, wenn nur ein Drittel der Überstunden dafür verwendet würde. Oder finden Sie es nicht auch skandalös, dass bei ausgewiesenen Reingewinnen von mehreren Milliarden einige deutsche Großunternehmen nach wie vor ausschließlich den shareholder value im Blick haben, ihre Unternehmerpflichten im Rahmen des Sozialstaatsgefüges aber nur noch als Nehmer von mehr staatlichen Zuschüssen verstehen?

Margret Schlüter
Staatssekretärin im Brandenburger Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen


Weidenfelds Antwort

Sehr geehrte Frau Schlüter

Sie haben Recht. Es ist ein Skandal, dass in Deutschland vier Millionen Menschen arbeitslos sind und gleichzeitig 1,9 Milliarden Überstunden gemacht werden. Nur: Die Zahlen allein sind allerdings kein Skandal, die Gründe dafür sind einer. Und dass diejenigen, die sich jetzt darüber beschweren, verschweigen, dass sie selbst Mitglieder des Überstundenkartells sind, ist auch nicht gerade fein.

Zwei Drittel der Arbeitslosen sind aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, in den Branchen einzuspringen, in denen heute Überstunden gemacht werden: Sie haben beispielsweise den falschen Beruf oder wohnen am falschen Ort, sind zu schlecht qualifiziert, zu alt oder schon zu lange arbeitslos. Als Aushilfen für hochspezialisierte Maschinenbauer, Chemiefacharbeiter oder Telekommunikationsspezialisten kommen sie jedenfalls nicht in Frage.

Das andere Drittel der Arbeitslosen dagegen ist in der Regel nicht daran interessiert, auszuhelfen, weil diese Arbeitslosen schon einen neuen Job haben oder die Zeit zu einer Qualifizierung überbrücken oder aber auf den Übergang zum Ruhestand warten. Die meisten Überstunden passen also nicht zu den Arbeitslosen.

Recht haben Sie aber auch damit, dass die Unternehmen lieber Überstunden anordnen, als neue Leute zu beschäftigen. Jedenfalls dann, wenn sie nicht so genau wissen, wie lange sie mehr Arbeit haben. Und da spielt es schon eine Rolle, dass das Einstellen, vor allem aber das Entlassen von Beschäftigten in Deutschland so kompliziert ist. Deshalb lässt man im Zweifel lieber beides und beantragt Überstunden.

Die jetzige Bundesregierung hat dafür gesorgt, dass das Arbeitsrecht noch komplizierter geworden ist. Dazu kommt, dass die Überstundendiskussion mir auch ein bisschen unaufrichtig erscheint: Jede Überstunde, die in Deutschland gemacht wird, wird von den Betriebsräten genehmigt. Die Betriebsräte genehmigen die Überstunden gerne, weil die Beschäftigten sie gerne machen. Sie werden nämlich sehr gut bezahlt. Wenn den Gewerkschaften ernst wäre mit dem Überstundenabbau - sie könnten über die Betriebsräte mit dafür sorgen, dass es viel weniger davon gibt.

Ursula Weidenfeld
Leiterin des Wirtschaftressorts des Tagesspiegel

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