Meinung : Zurückgeschrieben: "Sind Sie ein Schönwetter-Genosse?"

Betrifft: "Intendent Wischnath unter Beschuss" vom

Betrifft: "Intendent Wischnath unter Beschuss" vom 21. November 2001

Dr. Wischnath ist als temperamentvoller Theologe bekannt, mit dem manchmal die Ideologie durchgeht. Mit Nachdruck entgegenzutreten ist ihm unter zwei Aspekten:

Erstens ist es nicht hinnehmbar, dass sich jemand unter Berufung auf sein Gewissen die Aura des Guten verleihen und alle anderen in die Ecke des Bösen abdrängen möchte. Und zweitens ist die Berufung auf Willy Brandt schon gar nicht zulässig. Abgesehen davon, dass durch die mehrfache Nennung Brandts hier ein zusätzlicher Hauch von Wichtigtuerei in das Verhalten Dr. Wischnaths kommt. Willy Brandt, dieser großartige Politiker und Träger des Friedensnobelpreises kämpfte zwar mit aller Leidenschaft für den Frieden, aber er war nie ein Fundamentalpazifist und zeigte alle Entschlossenheit, wenn es darum ging, dem Unrecht zu widerstehen.

Nein, die SPD nimmt keinen Schaden, wenn sie von solchen Schönwetter-Genossen verlassen wird, sobald die in voller Verantwortung getroffenen Entscheidungen schwieriger werden.

Winfried Staar, Berlin-Hermsdorf

Wischnaths Antwort

Lieber Herr Staar, schönes Wetter gab es nicht, als ich mit Herz und Kopf zur SPD überlief - im März 1969 bei einem Manöver an der tschechischen Grenze. "Die Streitkräfte dürfen nur der Landesverteidigung dienen", stand damals im Godesberger Programm. Noch heute spricht die Bundeswehr ihren Eid so, als würde das gelten.

Ein halbes Jahr später war Willy Brandt Bundeskanzler. "Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen", lautete der Elementarsatz seiner Friedenspolitik. Und einer temperamentvoll-ideologischen Opposition antwortete er, die Sozialdemokraten hätten in ihrer Geschichte gewiss viele Irrtümer zu verantworten, aber sie hätten noch nie deutsche Soldaten in einen Krieg geschickt.

Nun findet die "Landesverteidigung" außerhalb Europas statt: "enduring freedom" - mit Großbombern gegen Ruinenstädte, Verminung von ganzen Gebieten und Streubomben - im ärmsten Land der Welt: Afghanistan.

Die deutsche Beteiligung daran hat der Bundeskanzler vertrauensvoll erzwungen. Im Berliner Programm seiner Partei heißt es: "Wir verteidigen die Freiheit des Denkens, des Gewissens, des Glaubens und der Verkündigung." Und über Kirchenleute ist zu lesen: "Die SPD begrüßt es, wenn Kirchen und einzelne Gläubige durch Kritik, Anregung und praktische Mitarbeit auf die Gestaltung des politischen Lebens einwirken und sich damit auch öffentlicher Kritik stellen."

Wie das derzeit "begrüßt" wird, zeigt Ihr Brief. Und logisch, dass unter Anführung von Rudolf Scharping das Programm nun umgeschmiedet wird. Man muss kein "Fundamentalpazifist" sein, um zu sagen: Das ist nicht mehr meine Partei.

Rolf Wischnath

(Cottbusser Generalsuperintendent)

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