Meinung : Zurückgeschrieben: Sind Sie unfair zu Rot-Rot?

Betrifft: "In der Schusslinie" im Tagesspiegel vom

Betrifft: "In der Schusslinie" im Tagesspiegel vom 3. Februar 2002

Langsam habe ich auch genug von der Buhmann-Rolle, die Sie - nun auch meine Tageszeitung - im Einklang mit der Springer-Presse Klaus Wowereit anhängen. Ich vermisse Ihre Neutralität und Fairness gegen die rot-rote Regierung und ganz besonders gegenüber Klaus Wowereit.

Man kann alles und jedes Tun eines Menschen und Bürgermeisters kritisieren. Wenn er seine Repräsentationspflichten erfüllt, ist er ein Partyheld, wenn er es nicht tut, kann man diese auch kritisieren. Hält er an seinem Konzept fest, ist Herr Wowereit stur und arrogant. Tut er dieses nicht, ist er wahrscheinlich nach Ihrer Ansicht nicht stand- und charakterfest.

Es ist doch wohl langsam auch dem allerletzten Bürger dieser Stadt klar, dass ohne rigorose Sparmaßnahmen Berlin bald nicht mehr aktionsfähig ist. Aber wehe, wenn Sparmaßnahmen genannt werden. Das ist unpopulär und tut weh. Ja, wie soll es denn überhaupt gehen, frage ich Sie. Irgendeine Gruppe von Menschen ist doch immer betroffen. Zeiten, in denen verteilt werden kann, machen uns allen mehr Freude. Machen Sie doch bitte einmal konstruktive Vorschläge.

Ingrid Pfaff, Berlin-Zehlendorf

Rudolphs Antwort

Sehr geehrte Frau Pfaff

ja, es ist wahr: Kein Regierender, kein Senat hat bei seinem Amtsantritt ein solches Echo gefunden - erst ein zweifelndes, nun bald ein verzweifeltes. Allerdings nicht nur im Tagesspiegel und in den Zeitungen aus dem Hause Springer, sondern überall - man möchte einen Preis ausloben für jemanden, der diesen Anfang anders sieht. Irren wir alle? Sind wir alle unfair?

Auch Wowereits Parteifreunde sind zunehmend irritiert über das Agieren des Mannes, den sie auf den Schild gehoben haben. Wir haben diese Stimmen ja nicht erfunden, sondern nur referiert, nach bestem Wissen und Gewissen. Es stellt sich die Frage, ob da wieder einmal der Bote für die Nachricht bestraft werden soll, die er bringt.

Er bringt sie nicht gern. Der Tagesspiegel würde lieber über einen Regierenden Bürgermeister und einen Senat berichten, die dieser Stadt in ihrer Lage Ziele setzen und sie mit fester Hand regieren. Aber sind das Klaus Wowereit und seine Mannschaft? Das wird man beim besten Willen nicht behaupten können. Es trifft auch nicht zu, dass der Regierende Bürgermeister es dem Tagesspiegel nicht recht machen könnte. Er könnte schon - wenn er sein Amt mit dem Ernst und dem Augenmaß ausfüllte, die Berlin von seinem ersten Mann erwarten kann.

Niemand würde es Klaus Wowereit, beispielsweise, übel nehmen, dass er es bei seinen öffentlichen Auftritten etwas lockerer angehen lässt. Der Regierende Partymeister ist an ihm hängen geblieben, weil sonst über seine Leistungen so viel Positives nicht zu berichten war. Und was die Konzepte angeht, die er angeblich so standfest verteidigt: Wo sind denn diese Konzepte? Der Augen-zu-und-durch-Sparwille à la Klinikum Benjamin Franklin kann es doch nicht sein!

Der Tagesspiegel bemüht sich um Fairness, auch gegenüber der neuen rot-roten Regierung. Doch "neutral" in dem Sinne, dass er kühl bis ins Herz über den Dingen stände - das ist er nicht, das will er auch nicht sein. Dazu ist ihm das Schicksal dieser Stadt zu wichtig!

Dr. Hermann Rudolph, Herausgeber

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