Zurückgeschrieben : Warum bekommen Berliner oft keinen Studienplatz in Berlin?

Studieren in der Fremde ist teurer als in der Heimat, sagt unsere Leserin Angelika Roske. Wissenschaftssentator Jürgen Zöllner schreibt zurück, warum nicht alle Berliner einen Studienplatz in der Hauptstadt bekommen.

Jürgen Zöllner
Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Zur Zahl der Studienplätze an Berliner Universitäten

Unser Sohn hat sein Abitur mit 1,8 bestanden. Man könnte denken, es handele sich um eine gute Note. Er wollte Biochemie studieren und bewarb sich um einen Studienplatz an der FU. Er bekam eine Ablehnung, weil dort keine Studienplätze für Berliner reserviert sind. Warum werden Berliner Kinder an Berliner Unis bei der Studienplatzvergabe nicht bevorzugt? Stattdessen bekam er einen Platz an der Uni Bayreuth. Vor Beginn des Studiums begann die Zimmersuche, Plätze im Studentenwohnheim gab es nicht, der Umzug, die Zahlung der Studiengebühren usw. Kosten, die von den Eltern aufzubringen sind. Unser Sohn kann während des Studiums nicht nebenbei arbeiten. Und wer möchte schon seinem Kind einen Schuldenberg nach dem Studium überlassen, zumal die Schulden auch zurückgezahlt werden müssen, wenn sich anschließend keine gut bezahlte Stelle findet.

Nun macht übrigens seine kleine Schwester das Abitur und kommt in den ersten doppelten Abiturjahrgang, der den Zugang zu den Universitäten noch verschlechtern wird, da sich die doppelte Anzahl an Abiturienten an den bundesdeutschen Universitäten, insbesondere in Berlin, bewerben wird. Berlin baut zwar Studienplätze aus Mitteln des Hochschulpakts auf, aber es ist ja anzunehmen, dass das nicht reicht und der Numerus clausus an Berlins Unis immer schärfer wird und immer mehr Berliner Kinder verdrängt werden. Und wenn sie in andere Städte ausweichen müssen entstehen zusätzliche Kosten fürs Studium. Offenbar kann in der Bundesrepublik längst nicht mehr jeder studieren!

Angelika Roske, Berlin-Hermsdorf

Sehr geehrte Frau Roske,

tatsächlich gibt es eine große Nachfrage nach Studienplätzen in Berlin. So haben sich etwa im Studienjahr 2009 auf 18 733 Studienanfängerplätze in zulassungsbeschränkten Studiengängen 129 950 Studieninteressierte beworben. Dieses große Interesse ist für Berlin als Wissenschaftsmetropole sehr positiv. Es macht deutlich: Universitäten und Hochschulen sind sehr attraktiv, und die Rahmenbedingungen für ein Studium stimmen. Dazu zählen etwa die weltoffene Atmosphäre der Stadt, das vielfältige kulturelle Angebot, aber auch der vergleichsweise günstige Wohnraum, die gerade erst festgestellte im Bundesvergleich höchste Erfolgsquote der Studierenden und der Verzicht auf Studiengebühren. Gerade durch letzteres gewährleistet der Senat den Zugang zu einem Studium unabhängig vom Einkommen der Eltern und vermeidet soziale Hürden. Die Gebührenfreiheit macht Berlin als Studienort noch zusätzlich attraktiv.

Die große Nachfrage hat aber, das ist nicht zu bestreiten, den Nachteil, dass nicht alle Bewerberinnen und Bewerber einen Studienplatz bekommen können. Die Vergabe der Studienplätze erfolgt über die Hochschulen direkt. Sie erfassen zunächst in einer Zulassungsordnung die Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze. Die Studienplätze in Biochemie an der Freien Universität werden nach Abzug der Vorabquoten nach drei Hauptquoten vergeben: Für die Abiturbesten, die nach ihrer Durchschnittsnote ausgewählt werden, stehen 20 Prozent der Studienplätze zur Verfügung. Für Bewerber mit den meisten Wartesemestern, werden weitere 20 Prozent der Studienplätze bereitgestellt. 60 Prozent der Studienplätze werden nach einem Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben. Berücksichtigt werden hierbei die Abiturdurchschnittsnote, Leistungskurse oder bestimmte in der Oberstufe absolvierte Fächer und eine für den Studiengang relevante Berufsausbildung oder Berufstätigkeit oder ein Praktikum. Im Studienjahr 2009 kamen im Studiengang Biochemie auf 53 Plätze 1210 Bewerber.

Eine Bevorzugung Berliner Schulabsolventen ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich: Artikel 12 Absatz 1 und 2 des Grundgesetzes gibt vor, dass alle Bundesbürger gleichermaßen Anspruch auf Ausbildung – auch an Hochschulen – haben. Eine Sonderregelung für Schüler aus dem eigenen Land würde diese Gleichheit aller Schulabgänger aushebeln. Diese Regelung gilt für alle Länder; davon profitieren allerdings vor allem die, die mehr Hochschulzugangsberechtigte haben als Studienplätze.

Berlin hingegen hält schon jetzt ein überaus großes Angebot an Studienplätzen bereit. Im Wintersemester 2009/2010 gab es in unserer Stadt 139534 Studierende. Das bedeutet, dass rund 6,6 Prozent der Studienplätze in Deutschland insgesamt an Berliner Hochschulen angeboten werden, während der Anteil Berlins an der Gesamtbevölkerung rund 4,2 Prozent beträgt. Wir bilden also weitaus mehr aus und investieren mehr Mittel, als es unserem Anteil entspricht. Das machen wir, weil so junge Menschen in Berlin gehalten oder für Berlin gewonnen werden können. Eine hohe Zahl von Studierenden und damit gut ausgebildete Akademikerinnen und Akademiker wirkt sich für die wirtschaftliche Entwicklung ebenfalls positiv aus.

Natürlich kann Berlin die zu niedrige Ausbildungsquote anderer Länder nicht alleine auffangen. Insofern ist es richtig, dass die zu geringe Bereitstellung und Finanzierung von Studienplätzen durch andere Länder ein Grund dafür ist, dass Abiturientinnen und Abiturienten aus Berlin nicht immer in ihrer Heimatstadt einen Studienplatz bekommen können. Der Berliner Senat hat im Januar aus diesem Grund beschlossen, die Zahl der Studienanfängerplätze noch einmal um bis zu 6 000 bis zum Jahr 2013 zu erhöhen. Dies im Übrigen nicht nur aus Hochschulpaktmitteln – wie Sie schreiben – sondern auch mit zusätzlich vom Land zur Verfügung gestellten Millionen. Damit wird es gerade für den doppelten Abiturjahrgang 2012 deutlich mehr Studienanfängerplätze geben.

Dies machen wir trotz angespannter Haushaltslage. Für die Hochschulen in Berlin wird es durch die zwischen den Hochschulen und dem Land Berlin vereinbarten Hochschulverträge deutlich mehr Zuschüsse geben. Selbst bei gleichbleibenden Leistungen erhöhen sich die Zuschüsse von 899 Millionen Euro auf 1005 Millionen Euro im Jahr 2013, das ist eine Steigerung von 11,8 Prozent. Zugleich wird ein neues leistungsbasiertes Finanzierungssystem eingeführt, dass den Hochschulen zusätzliches Geld zukommen lässt, wenn sie zusätzliche Leistungen erbringen. Der Zuschuss kann dann an die Hochschulen im gleichen Zeitraum sogar um bis zu 149 Millionen Euro wachsen, dies entspricht einer Steigerung von 16,6 Prozent über vier Jahre.

Mit freundlichen Grüßen

—Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner,

Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung

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