Meinung : Zwangsarbeiter-Entschädigung: Der Mief der Fünfziger

Stefan Reinecke

Gut 98 Prozent aller deutschen Firmen weigern sich, Geld in den Stiftungsfonds zur Entschädigung von Zwangsarbeitern einzuzahlen. Einige sagen, sie hätten kein Geld, andere, dass doch gefälligst erst alle Firmen zahlen sollten, die damals wirklich massenhaft Zwangsarbeiter beschäftigten. Ist das nicht plausibel? Warum soll jemand, dessen Firma erst nach 1945 gegründet wurde oder die deutsche Filiale eines ausländischen Konzerns, zahlen, so lange sich jene, die wirklich etwas auf dem Kerbholz haben, drücken?

Individuell kann das, in diesem oder jenem Fall, plausibel sein - aufs Ganze gesehen ist es dies nicht. Schlicht, weil die Anwendung des "Verursacherprinzips" - also dass die Firmen entsprechend ihrer konkreten Verantwortung zahlen - Jahre komplizierten politisch-juristischen Streit bedeuten würde. Doch die Zeit ist knapp, sehr knapp. Darum müssten auch jene, die sich zu Unrecht angesprochen fühlen, zahlen. Sie müssen einsehen, dass fünfundfünfzig Jahre danach die Zwangsarbeiter-Entschädigung nicht "gerecht" zu Stande kommen kann. Zwingen kann sie ohnehin niemand.

Doch die Zahlungsmoral ist nach wie vor schlecht. Und das ist auch weniger verwunderlich, als die Empörungsfraktion der deutschen Öffentlichkeit meint. Denn die Unternehmen, die nicht zahlen, tun nichts anderes als das, was fünfzig Jahre lang in Deutschland common sense war. Die deutsche Rechtsposition war von den frühen 50ern bis in die 90er Jahre hinein klar: Zwangsarbeit war kein "NS-spezifisches Unrecht" - und deshalb gab es auch keinen Anspruch auf Entschädigung. So verhält sich der überwiegende Teil der Unternehmen noch immer.

Wie zählebig und aufklärungsresistent diese Haltung noch immer ist, zeigt aufs Schönste Dieter Härthe, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. Der Mittelstand, sagt Härthe, zahle nicht, weil man glaube, das Geld fließe in die Kassen von US-Anwälten - das Wörtchen "jüdische" mag man sich dazu denken.

Zudem, sagt Härthe, wollen viele Unternehmer den Opfern lieber direkt helfen - anders gesagt: nicht in Form einer kollektiven, verbindlichen Zahlung, sondern nach Gutdünken in Form einer paternalistischen, karitativen Geste. Denn, so Härthe, es gebe viele Unternehmerfamilien, die heute guten Kontakt zu den Ex-Zwangsarbeitern hätten und wo die "so genannten Opfer glänzende Augen" bekämen, "wenn sie an die gute Zeit als Mitarbeiter eines deutschen Familienbetriebes" (Härthe) dächten.

Der Nationalsozialismus als gute, alte Zeit, die Opfer als "so genannte", die falsche Sentimentalität des Menschelnden, in der die Schuld und der Terror der Geschichte verschwinden sollen - dieses kleine Zitat versammelt brennspiegelhaft die deutschen Selbstlügen der 50er Jahre. Eigentlich waren sie doch schon überwunden. Doch wo es ums Geld geht, kommt diese Haltung wieder zum Vorschein. Gegen Moral und historisches Bewusstsein ist sie immun. Dagegen hilft, nach wie vor, nur Drohung mit wirtschaftlichen Einbußen. Einfach: Druck.

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