Zwangsehe : Multikultis gegen Realitätsverweigerer

Wenn junge Menschen in Deutschland zur Heirat gezwungen werden, ist das unser aller Problem, meint Tissy Bruns. Beim Thema Zwangsehe sollte es nicht um Punktgewinne im ewigen Integrationsstreit gehen.

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Im Jahr 2008 haben nach einer Umfrage bei 830 Beratungsstellen 3443 von einer Zwangsehe Betroffene Hilfe gesucht.
Im Jahr 2008 haben nach einer Umfrage bei 830 Beratungsstellen 3443 von einer Zwangsehe Betroffene Hilfe gesucht.Foto: dpa

Ende 2012 soll sie stehen, die Hotline „Gewalt gegen Frauen“, in mehreren Sprachen, und es werden auch Männer anrufen. Das Hilfstelefon wird junge Mädchen und Frauen (und eben auch junge Männer) unterstützen, die zwangsverheiratet werden sollen oder es bereits sind. Der Bedarf ist groß, wie eine Studie der Bundesfamilienministerin dieser Tage nachweist. Im Jahr 2008 haben nach einer Umfrage bei 830 Beratungsstellen 3443 Betroffene Hilfe gesucht.

Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Eine unbekannte Dunkelziffer steht dahinter. Denn es geht nicht um 3443 Zwangsehen in diesem einen Jahr, sondern um 3443 Hilferufe dagegen. Niemand weiß, wie viele Mädchen gar nicht rufen können. Es ist zu hoffen, dass die erste Debatte des Bundestags zur Hotline, die am Donnerstag stattfindet, mit allem Mitgefühl geführt wird, zu der eine politische Institution fähig ist. Dann und wann war das bei heiß umkämpften Themen möglich, die ans Innerste des menschlichen Lebens rühren. Meistens waren dann Frauenschicksale berührt.

Wenn es um den Paragraphen 218, um PID oder Spätabtreibung ging, haben vor allem weibliche Abgeordnete trotz großer Meinungsunterschiede den Ton gefunden, der Solidarität und Menschenliebe im Zweifel vor abstrakte Prinzipien stellt. Dass es beim Thema Zwangsehe im Deutschen Bundestag auch gelingt, darum muss man selbst als Atheistin wohl beten. Denn immer noch schleicht sich in jede Debatte um die schwierigen Seiten der Migration der alte, unproduktive Ideologiestreit ein, wer mehr Recht oder Unrecht gehabt hat. Die Multikultis oder die Realitätsverweigerer, die Deutschland noch nicht Einwanderungsland nennen mochten, als es schon zum Auswandererland geworden war.

Wenn es um die Rechte von Mädchen und Frauen geht, dann – um es klar zu sagen – müssen die ehemaligen Multikultis mehr aufpassen, kaltes Rechthaben nicht über das Leiden von Menschen stellen, die in einer freien Gesellschaft Gewaltverhältnisse aushalten müssen, die nach hier geltendem Recht und Gesetz verboten sind. Damit kein Missverständnis entsteht: Gegen Zwangsehen herrscht Konsens über alle Parteien hinweg. Aber nicht, wie klar man darüber sprechen will.

Aydan Özoguz, integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, jedenfalls versucht zunächst, die Familienministerin der Voreingenommenheit zu überführen. Es war ja vorauszuahnen. „Schröders Fazit: Ein Großteil der Zwangsheiraten in Deutschland findet bei Muslimen statt, dabei spiele auch der religiöse Aspekt ein Rolle. Leider führt sie diesen nicht weiter aus, was zwangsweise pauschalen Stigmatisierungen Raum lässt.“

Dabei handelt es sich aber nicht um Schröders Fazit. Es waren statistische Erhebungen der Studie, die Nationalitäten so akkurat aufführt wie Religionszugehörigkeiten, darunter auch, dass die Zwangsehe auch bei Christen nicht gebannt ist. Und die „pauschalen Stigmatisierungen“ werden erst durch diese Art der Argumentation herbeigeschrieben.  Jeder, der mit offenen Augen durch dieses Land geht, sieht die Integrationserfolge. Doch wenn es um konkretes Unrecht an konkreten Menschen geht, um Rechtsbruch und Gewalt, kann der Blick auf Erfolg oder Misserfolg von Integration nicht der wichtigste Maßstab der öffentlichen Behandlung dieses Unrechts sein.

Wenn in einem Jahr 3443 junge Frauen, darunter 40 Prozent zwischen 18 und 21 Jahren, 30 Prozent sogar minderjährig, bei Beratungsstellen Schutz gegen eine Zwangsehe suchen, dann ist das unser Problem. Es sind, ob mit oder ohne deutschen Pass, junge Menschen, denen hier Unrecht geschieht. Deshalb müssen wir uns dafür interessieren, wo und aus welchen Motiven dieses Unrecht stattfindet und wie man Abhilfe schaffen kann.

Hoffentlich stehen im Bundestag Frau Özoguzs konkrete Vorschläge obenan, und nicht die Geißelung von Schröders vermuteten Nebenmotiven. Es geht nicht um Punktgewinne gegen eine Ministerin, sondern um sehr junge Frauen in Bedrängnis, die ihre großen Schwestern brauchen.

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