Meinung : Zwanzig Meter zum Präsidenten

Viereinhalb Jahre halluzinogener Tee und „black-coffee-briefings“: Ein USA-Korrespondent verlässt Washington.

Malte Lehming

Neulich holte ich einen Freund vom Flughafen ab. Wir hatten uns drei Jahre nicht gesehen. Er war lange Zeit schwer krank. Nun stand ich in der Halle und wartete. Als er mit seinem Gepäck durch die Schwingtür kam, wurde ich ein wenig sentimental. Mein Freund allerdings mag Pathos gar nicht. „Mein Gott, was ist nicht alles passiert“, sagte ich zur Begrüßung. „Was denn?“ fragte er zurück. „Zwei Operationen, zwei Kriege, zwei Kinder – so ist das Leben.“

Ja, so ist es vielleicht. Menschen überwinden Krankheiten, Völker führen Kriege, Kinder kommen auf die Welt. Hätte ich morgens mit Buddha gefrühstückt, würde ich wohl von einem normalen „Zyklus des Lebens“ sprechen. Aber ich habe nicht mit Buddha gefrühstückt. Deshalb kann ich mir nicht helfen: Die vergangenen viereinhalb Jahre, die ich als Korrespondent in Washington lebte, haben meine Schläfenhaare weiß werden lassen. Die Ereignisse überschlugen sich. Manchmal kam es vor, ich gestehe, dass mehr geschrieben werden musste, als reflektiert worden war.

Dies ist keine Bilanz. Beim Amtsantritt von George W. Bush stand ich im eiskalten Nieselregen vorm Kapitol. Meine Finger waren vor Kälte steif. Der Präsident stand weit weg. Nur einmal bin ich ihm etwas näher gekommen. Das war bei einem Abendessen mit rund 300 anderen Gästen. Sein Tisch stand zwanzig Meter von meinem entfernt.

Ebenso wenig will ich ein Sittengemälde der USA zeichnen. Eher fühle ich mich wie bei einem Abschied, der sich in die Länge zieht. Ich lehne mich aus dem Fenster des Abteils, der Zug fährt noch nicht los. Um die Zeit zu überbrücken und die Stille zu übertönen, gebe ich assoziativ ein paar Erinnerungsfetzen von mir. Sie werden an jene gesprochen, die bleiben, und an jene, die mich erwarten. Den Kopf etwas leerer schreiben – so könnte man es auch nennen.

Am 11. September 2001 saß ich an meinem Schreibtisch. Die Redaktion rief an. Ich möge mal den Fernseher einschalten. Es war morgens, ein Dienstag, die Sonne schien. Erst Tage später, als in der Kathedrale von Washington der Gedenkgottesdienst für die Opfer der Anschläge gehalten wurde, überwältigte mich die Trauer. Am Ende des Gottesdienstes, als die Glocken läuteten, erfasste mich die Dimension der Tragödie. Vorher hatte ich nur funktioniert.

Wer heute davon spricht, wie kühl, ideologisch und planvoll die Bush-Regierung auf die Anschläge reagierte, hat die Zeit nicht erlebt. Jede Mitwisser- und Verschwörungstheorie wird durch das Chaos widerlegt, das die Tage und Wochen danach beherrschte. Improvisation, Ratlosigkeit, Trauer, Wut, Angst, Aktionismus, Überreaktion: Die Regierung wie das Volk versuchten, ihren Schock zu überwinden. Dieser Schock war echt. Der Luftraum über dem Land blieb gesperrt. Speziell in Washington war es noch Monate später ungewöhnlich ruhig. Ein Geräusch fehlte. Erst dann wurde der städtische Flughafen wieder geöffnet. Dafür kreisen bis heute oft Hubschrauber der Sicherheitsdienste über der Stadt. Die Mall mit ihren Denkmälern und Museen wird schwer bewacht.

Zu verstehen sind viele Maßnahmen nicht. Wollen Terroristen den Obelisken, das Wahrzeichen Washingtons, in die Luft sprengen? Andererseits: Bis heute gibt es kein nationales Melderegister, auch Personalausweise wurden nicht eingeführt. Über die kanadische, besonders aber die mexikanische Grenze strömen weiter Tausende von illegalen Immigranten ins Land. In Bagdad und Falludschah opfern US-Soldaten ihr Leben im „Kampf gegen den Terrorismus“, wie der Irakkrieg hier weiter heißt. Doch durch die Wüste von Arizona können Schleuserbanden meist ungehindert Menschen ins Land schmuggeln.

Unsere Kinder, die hier geboren wurden, heißen Laila und Millie. Der Frauenarzt zahlt jährlich rund 100 000 Euro für eine Versicherung, die ihn vor Klagen schützt. Bis zum 18. Geburtstag ist er verantwortlich für alle gesundheitlichen Schäden, die sich auf die Zeit der Schwangerschaft und Geburt zurückführen lassen. Fünf seiner Kollegen haben ihre Praxis vor kurzem geschlossen. Clevere Anwälte erstreiten in den USA regelmäßig Millionensummen für die Opfer mutmaßlicher Ärztefehler. Das treibt die Kosten hoch und vermindert die Risikobereitschaft. Die Zahl der natürlichen Geburten geht zurück, die der Kaiserschnitte steigt.

Wir wohnen mitten in der Stadt. Unser Spielplatz wird rege besucht, vor allem von Kindergartengruppen. Die Gegend lässt sich als besseres Kreuzberg bezeichnen. Alles Spielzeug, wie Schaufel, Eimer, Dreirad, bleibt auf dem Spielplatz liegen, auch über Nacht. Keiner nimmt es mit. Weil der Sand im Buddelkasten alt ist, die Stadt aber arm, wollen ihn einige Eltern jetzt auf eigene Kosten erneuern. Rasch werden die Aufgaben dafür verteilt und die Gelder gesammelt. Bloß nicht maulen, jammern, mit dem Schicksal hadern oder auf den Staat warten: Was einem nicht passt, ändert man selbst.

Laila und Millie sind beim Kleinkindschwimmen, Alter eins bis drei. Sie sind die einzigen Mädchen im Schwimmbecken mit freier Brust. Alle anderen tragen Badeanzug. Auch am Strand dürfen Babys und Kleinkinder niemals nackt sein. Und Frauen, die in der Öffentlichkeit stillen, sollten dies sehr dezent tun. In den meisten Medien herrscht ein strenger Sittenkodex. Derbes und Frivoles gilt als unnötig und primitiv. Freidenker mögen es Prüderie nennen, die Amerikaner empfinden es als Gebot der Sittsamkeit.

Ach ja, die Regeln: Ein USA-Korrespondent in Washington wird viel eingeladen. Es gibt „black-coffee-briefings“, eine „discussion with luncheon“, Empfänge, Hintergrundgespräche, Abendessen. Auf jeder Einladung wird der Dresscode vermerkt. Die Liste ist lang. Sie reicht von „casual“ oder „smart casual“ bis „business attire“ und „black tie“. Ein Kollege in der Deutschen Botschaft hat mitgezählt und die gebräuchlichsten acht Dresscodes übersetzt. Und: Wer zum Abendessen eingeladen war, sollte sich anschließend bedanken. Anrufen gilt als unhöflich, weil man dem Gastgeber dadurch Zeit stiehlt. Also eine Karte. Die aber darf nicht nur einen Dankessatz enthalten. Zu Beginn sollte ein besonderes Erlebnis des Abends gepriesen werden, erst dann folgt der Dank. Auf Deutsche wirkt die Etikette streng. Für Amerikaner ist sie Ausdruck ihrer Zivilität.

Natürlich, das ist ein Gemeinplatz, muss ein Korrespondent Washington verlassen, um die USA zu begreifen. Aber selbst die Hauptstadt fasziniert. Eine unsichtbare Grenze durchschneidet sie. Die eine Hälfte wird von Schwarzen bewohnt, die andere von Weißen. Die Schwarzen leben in Südost, die Weißen in Nordwest. Der Dupont Circle ist das inoffizielle Zentrum von Nordwest. Drum herum logieren die Thinktanks. Ob „Carnegie“, „American Enterprise“ oder „New America Foundation“: Von hier aus erhält die Politik ihre Impulse.

Kein Gedanke ist zu radikal. Alles wird diskutiert. Soll man Steuern total abschaffen und alles privatisieren – bis hin zum Militär? Lassen sich Kriege leichter führen, wenn die Soldaten von Maschinen und Robotern ersetzt werden? Können sich die USA mit China verbünden, gegen den Rest der Welt? Nirgendwo auf der Welt sitzen auf so engem Raum so viele kluge Köpfe. Wer hier voreilig eine These als absurd, exzentrisch oder naiv abqualifiziert, beweist nur seine eigene Fantasiearmut.

Fast jeder Korrespondent verlässt sein Land mit einem schlechten Gewissen. So viele Geschichten wurden nie geschrieben. Ein paar Beispiele: Das Oberste Gericht entscheidet demnächst im Fall „Gonzales versus O Centro Espirita Beneficiente Uniao Do Vegetal“. Das ist eine Religionsgemeinschaft, zu deren Riten es gehört, einen halluzinogenen Tee zu trinken. Der nennt sich „hoasca“ und besteht aus Pflanzen, die in Brasilien wachsen. Dessen Wirkstoff indes fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und ist verboten. Religionsfreiheit contra Drogenmissbrauch. Gut möglich, dass sich die Verfassungsrichter für die Religionsfreiheit entscheiden.

Oder: Warum ist die Geburtenrate in den USA fast doppelt so hoch wie in Europa? Familienpolitisch hinkt das Land hinterher. Es gibt keinen guten Mutterschutz, Schule und Ausbildung kosten ein Vermögen. Trotzdem gilt Nachwuchs als eines der höchsten Ideale. Viele Eltern verschulden sich, verzichten auf Urlaub, rackern und schuften, um über die Runden zu kommen. Der Glaube an Gott und das Familienglück ist mächtiger als die tägliche Mühsal.

Oder die Medien: Zu Ronald Reagans Zeiten begann der Aufstieg der reaktionären Krawallos. Der erste war Rush Limbaugh mit seinem Talkradio. Er schuf das, was man eine radikalpopulistische Gegenöffentlichkeit nennen kann. Sie hat den Stammtisch hoffähig gemacht. Inzwischen leisten sich fast alle TV-Nachrichtensender einen erzkonservativen Kommentator. Amerikas Rechte setzt bis heute die Themen und bestimmt den Ton. Das intellektuelle Potenzial etwa der Neokonservativen ist hoch. Die Liberalen wirken vergleichsweise uninspiriert und uninspirierend.

Apropos Medien. In den USA blüht die Blogger-Kultur. Blogger betreiben ein oft sehr meinungsstarkes Internetforum. Damit schaffen sie eine einflussreiche Öffentlichkeit neben der traditionellen Presse. Einige Blogs werden täglich mehr gelesen als manche Tageszeitung. Blogger decken auch Skandale auf. Unlängst haben sie den CBS-Starmoderator Dan Rather zu Fall gebracht und den Nachrichtenchef von CNN, Eason Jordan. In Deutschland gibt es nur wenige interessante Blogs. Einer davon ist „Davids Medienkritik“. Dort tummeln sich all jene, die überzeugt davon sind, dass Bush ein prima Präsident, Guantanamo nicht schlimm und die deutsche Presse zutiefst antiamerikanisch ist. Unter deutschen USA-Korrespondenten gilt „Davids Medienkritik“ inzwischen als eine Art Qualitätskontrolle: Wer dort nicht ab und zu für seine Kommentare verprügelt wird, macht etwas falsch.

Oder das Wetter. Manchmal schneit es in den USA, oder es blasen heftige Winde. In Sommermonaten lodern Waldbrände. Um die entsprechend dramatischen Bilder kümmern sich extra TV-Wetterkanäle. Die Bilder werden dann umgehend im deutschen Fernsehen gezeigt. Schlagzeile: Unwetterkatastrophe verwüstet US-Landstrich. Doch extrem kann das Klima auch in Finnland, Marokko oder Indien sein. Der einzige Unterschied: Von dort gibt’s keine Bilder.

Habe ich die Vereinigten Staaten in den vergangenen viereinhalb Jahren verstanden? Nein. Je tiefer ich eintauchte, desto fremder wurde mir das Land. Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied zwischen Europa und den USA größer ist als der größte Unterschied innerhalb Europas. Anders gesagt: Schweden und Griechen sind sich ähnlicher als Europäer und US-Amerikaner. In den USA steht nie etwas still. Neugier, Abwechslung, Mobilität, Veränderungswille: Solche Gefühle dominieren. Europäer haben im 20. Jahrhundert genügend Kriege und Revolutionen erlebt. Ihr Hunger nach Umbrüchen ist gestillt.

So verwirrend es trotz aller Affären – Guantanamo, Abu Ghraib, Irakkriegs-Begründung – klingen mag: Mein Respekt vor der amerikanischen Demokratie ist weiter gewachsen. Die Debatten im Kongress, in den Senats-Ausschüssen und Thinktanks befinden sich auf einem Respekt einflößenden Niveau. Die Justiz ist unabhängig und korrigiert viele Fehlentwicklungen. Derzeit wird über eine Verlängerung des „Patriot Acts“ diskutiert. Das kontroverse Gesetzespaket war kurz nach „Nine-Eleven“ verabschiedet worden – aber mit einem Verfallsdatum versehen worden. So pragmatisch kann Politik sein.

„Bitte Türen schließen!“ Gleich fährt der Zug ab. Darum ganz schnell: Über Amerika, dieses Leid beklagt fast jeder USA-Korrespondent, wissen viele Deutsche genau Bescheid. Außerdem haben sie ein festes Urteil. Die Bush-Regierung gab eine hervorragende Projektionsfläche für diverse Ressentiments ab. Folglich blieb kaum ein USA-Korrespondent in den vergangenen Jahren von Kritik verschont. Manchmal lagen die Nerven blank. In der „tageszeitung“ hieß es einmal über meine Berichte, sie seien „derart affirmativ und unkritisch, dass sie auch von Pressereferenten des Pentagons stammen könnten“. Hingegen schreibt Jeff Gedmin, der Direktor des Aspen-Instituts: „Malte Lehming hält den US-Präsidenten für einen kriegsbesessenen Ayatollah, dessen konservativ-religiöse Revolution die amerikanische Demokratie zerstört.“ Vielleicht lag die Wahrheit irgendwo dazwischen.

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