Meinung : Zwei arme Welten

UN-Bericht: In der Dritten Welt werden zu viele Kinder geboren – in der Ersten zu wenige.

Dagmar Dehmer

Zu viele Kinder machen arm. Zu wenige können auch arm machen – allerdings mit Zeitverzögerung. Während die Bevölkerung in den 49 am wenigsten entwickelten Ländern ungebremst wächst, sinkt sie in vielen Industriestaaten. In Italien und Deutschland werden weltweit die wenigsten Kinder geboren. Reichtum führt zu geringeren Geburtenraten bis hin zur fast völligen Verweigerung von Nachwuchs.

Noch schadet das den Industriegesellschaften kaum, weshalb ihnen auch Schwellenländer und manche Entwicklungsländer nacheifern. Mit Erfolg. Das Wirtschaftswachstum steigt, die Armut nimmt ab. Der UN-Bevölkerungsfonds hat errechnet, dass eine um 0,4 Prozent niedrigere Geburtenrate nach zehn Jahren einen Rückgang der Armut um rund 2,4 Prozent bringen kann. Doch ganz so einfach wie es klingt, ist es mit der wachsenden Weltbevölkerung trotzdem nicht. Zum einen leiden gerade in Afrika viele Gesellschaften daran, dass sie ihre wirtschaftlich aktiven Generationen verlieren. Der Grund ist Aids und eine sich daraus ergebende sinkende Lebenserwartung. Zum anderen kranken die Industriegesellschaften an ernsthaften Finanzierungsproblemen für ihre Sozialsysteme, weil in ihren Gesellschaften zu wenig Kinder geboren werden, und die Lebenserwartung weiter steigt.

Was ist also die richtige Antwort auf die in armen Ländern wachsende und in Industriestaaten – außer den USA – sinkende Bevölkerung? Jedenfalls keine, die für die ganze Welt gilt. Die UN versuchen zumindest in den Entwicklungsländern dazu beizutragen, dass Frauen weniger Kinder bekommen müssen als bisher. Sie helfen beim Aufbau von Gesundheitssystemen und ermöglichen ihnen den Zugang zur Familienplanung. Allerdings mit viel weniger Geld als noch vor wenigen Jahren.

Denn inzwischen haben die USA ihre Zahlungen für Familienplanungsprogramme und zum Teil auch für die Aidsprävention eingestellt. Das hat ideologische Gründe. Schließlich sind es die christlichen Konservativen, die zur wichtigsten Wählergruppe der Republikaner zählen – und zu ihren aktivsten Geldgebern. Und Präsident George W. Bush selbst findet auch, dass Familienplanung nicht so wichtig und Abtreibung eine Sünde ist. Eine Bigotterie, die dem Papst vielleicht nachzusehen wäre, aber nicht dem Präsidenten der einzigen Weltmacht.

Mit Familienplanung ist den Industriestaaten allerdings nicht geholfen. Dabei gibt es dort doch genug Geld, um es mit Kindern zu teilen. Kinder können auch reich machen.

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