Zwei Bücher zur Privatsphäre : Berichte aus der Unterwäsche

Was ist und wozu brauchen wir eine Privatsphäre? Aus den USA kommen dazu Antworten von Jared Lanier und Dave Eggers.

Ulrich Steinvorth
Im öffentlichen Raum sind die Bürger immer häufiger im Blickfeld allgegenwärtiger Überwachungskameras.
Im öffentlichen Raum sind die Bürger immer häufiger im Blickfeld allgegenwärtiger Überwachungskameras.Foto: dpa

Auf beiden Seiten des Atlantik ist die Aufregung groß über die Angriffe der NSA auf die Privatsphäre von Millionen unbescholtener Bürger in und außerhalb der USA. Wie können wir unsere Privatsphäre schützen? Und was ist überhaupt die Privatsphäre, und wozu brauchen wir sie? Auch diese Fragen werden beiderseits des Atlantik gestellt. Kann man von Amerikanern zu solchen eher kulturellen Fragen Antworten erwarten? Unsere amerikanischen Verwandten waren schon immer gut in der Technik und hinkten in der Kultur hinterher, nicht wahr?

Nicht wahr. Zwei Bücher, im letzten Jahr in den USA erschienen und mit großem Interesse aufgenommen, bezeugen ein beachtliches Niveau der Antworten. Das erste Buch ist ein Roman des amerikanischen Autors und Publizisten Dave Eggers, The Circle; das zweite ein Sachbuch des amerikanischen Computerwissenschaftlers und Musikers Jaron Lanier, Who Owns the Future - das gerade auf Deutsch erschienen ist ("Wem gehört die Zukunft?").

Als einer der ersten Rezensenten verglich der New York Times Wirtschaftskolumnist Joe Nocera Oktober 2013 unter dem Titel A World Without Privacy Eggers‘ Roman mit George Orwells Roman 1984. In Orwells schwarzer Utopie verbreitet das Wahrheitsministerium die Slogans War is Peace, Freedom is Slavery, Ignorance is Strength; in Eggers‘ Roman verbreitet die Firma The Circle die Motti Sharing is Caring, Secrets are Lies, Privacy is Theft. Diese Motti, so Nocera, sind ebenso wie die Slogans aus 1984 die Begleitmusik zu einem Marsch in einen neuen Totalitarismus. Was jedoch bei Orwell der Staat tut, schafft bei Eggers eine private Firma, The Circle, ein Internet-Unternehmen im kalifornischen Silicon Valley, der weltbekannten Googlefirma nicht nur im Namen ähnlich. Während die Staatsautoritäten bei Orwell ihr totalitäres Ziel bewußt ansteuern, verstehen bei Eggers die Akteure ihren Einsatz für sharing, das Mitteilen von allem, was man von sich mitteilen kann, an die globale Öffentlichkeit als zweite Aufklärung. Sie soll endgültig mit Verbrechen, Korruption und Demokratieunfähigkeit Schluß machen, da man ja bei vollständiger Transparenz nichts Kriminelles mehr wagen und konsequent demokratisch leben werde.

Sieht Nocera, eher bekannt als Fürsprecher von Wirtschaftsinteressen, einen neuen Totalitarismus von der Wirtschaftsseite heraufziehen, weil er dem Silicon Valley und seiner „digitalen Wirtschaft“ mißtraut? Nicht wenige Verteidiger der Internetkultur haben Eggers Unverständnis für das Funktionieren moderner Kommunikationstechniken vorgeworfen. Trifft der Vorwurf nicht auch Nocera? Zumal er den Vorstandsvorsitzenden von Google, Eric Schmidt, anklagt, die Privatsphäre tendenziell für überflüssig zu halten. Denn Schmidt erklärte, „Wenn du was vorhast, das nicht jeder wissen soll, fang es vielleicht erst gar nicht an.“ Aus dieser Äußerung eine Geringschätzung der Privatsphäre herauszulesen ist etwas wilkürlich. Schmidt ist jedoch Koautor des ebenfalls 2013 erschienenen Buchs The New Digital Age, in dem er wenig bekümmert um die Privatsphäre den Nutzen einer Technik preist, wie sie Google der Welt liefern kann. Vor diesem Hintergrund erscheint Noceras Kritik an Schmidt nicht mehr willkürlich.

Nocera findet Unterstützung in Laniers Buch, dem „wichtigsten Buch, das ich 2013 gelesen habe,“ wie er Anfang Januar mitteilte. Lanier zeigt nicht nur, wie die digitale Wirtschaft die Privatsphäre auflöst, sondern auch, wie sie die Mittelklasse vernichtet und eine demokratieuntergrabende Arbeitslosigkeit schafft. Laniers Gegenrezept geht vom Privateigentum an Information aus und verlangt, jeden Menschen zu bezahlen, von dem man Daten schöpft. Die Berufung aufs Privateigentum kommt bei Wirtschaftsliberalen gut an, aber das Bezahlen weniger. Und obgleich er seitenlang beschreibt, wie die Bezahlung technisch durchzuführen ist, bleibt das Wie vage. Nur seine Autorität als erfolgreicher Gründer der ersten digitalen Firmen bewahrt ihn vor Unglaubwürdigkeit. Wie Nocera sagt, wirft Lanier ebenso viele Fragen auf wie er beantwortet.

Was ist neu an den Beiträgen von Eggers, Lanier und Nocera zur Gefährdung der Privatsphäre? Erstens, sie sehen die Gefahr nicht im Staat, sondern in Wirtschaftsunternehmen, die als zukunftsweisend gelten. Zweitens, sie erkennen die Gefahr als eine Tendenz, die der Begeisterung für eine in der Tat begeisternde Kommunikationsform entspringt. Drittens, sie weisen auf die unbeabsichtigten Folgen dieser Begeisterung. Und schließlich gelingen Eggers und Lanier auch Antworten auf die ungeklärten Fragen, was eigentlich die Privatsphäre ist und warum sie Schutz verdient.

Nicht nur die „Techies“ in Eggers‘ Roman, auch die wirklichen wundern sich manchmal, wie wichtig die Privatsphäre genommen wird. Lanier hat dagegen in einem Aufsatz im Scientific American angeführt, daß dieselben Freaks, die sich für eine weltweite Transparenz erwärmen, ihre eigenen Webseiten mit den neusten Verschlüsselungen schützen, ebenso wie Facebook und Google zwar Transparenz propagieren, aber ihre Techniken in den tiefsten Kellern verstecken. Denn sie wissen, daß sie ungeschützt den Datensammlungen privater Firmen ebenso wie staatlicher Geheimdienste ausgesetzt sind. Solche Sammlungen sind heute mittels Algorithmen so analysierbar, daß wir zum Kauf bestimmter Waren und zur Wahl bestimmter Partein manipulierbar werden. Lanier faßt diese Gefahr als die Zombiedrohung zusammen: unsere Entscheidungen werden durch eine geschickte Folge uns genehmer Nachrichten so manipuliert, daß unser Wille nur der Wille unsrer Manipulatoren ist.

Eggers liefert zu dieser Analyse die Darstellung als Roman. Die Romanheldin verliert in einer Folge selbstgewollter Schritte ihren Willen und wird zum Vollstrecker eines Gruppenwillens. Der Gruppenwille wird zwar von einem der drei Gründer der Firma manipuliert, aber zur Verwandlung der Heldin in einen Zombie genügt die Unterwerfung ihres Willens unter die globale Gemeinschaft der Internet-User. (Deren Gruppen-Ich erweist sich als ebenso kriminell wie es ein individuelles Ich sein kann.) Mit Begeisterung wird sie (wie Politiker vor ihr) „volltransparent“, von Kameras (außer in Klo und Bad) ständig überwacht, und orientiert ihr Handeln daran, wie sie die größte Zahl von Zustimmungen erhalten kann. Eggers macht die Privatsphäre, den Rückzug ins Gespräch mit sich und vertrauten Freunden, als notwendige Bedingung eines eigenes Willens, der Individualität sichtbar. Ohne Möglichkeit, uns nicht nur aufs Klo zurückzuziehen, degenerieren wir zum Herdentier.

Was also ist die Privatsphäre? Es ist verblüffend, daß die vielen juristischen Texte, die wie Artikel 12 der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen den Schutz der Privatsphäre als ein Menschenrecht behaupten, nicht klar zu erkennen geben, wie dies Recht sich von den traditionellen Freiheitsrechten und dem Recht auf Schutz der Intimsphäre unterscheidet. Und doch ist mit diesem Recht mehr gemeint: mindestens ein Recht darauf, „allein gelassen zu werden“, wie es der berühmte amerikanische Jurist Louis Brandeis in einer der frühesten Veröffentlichungen zum Recht auf eine Privatsphäre vor schon 124 Jahren formulierte.

Die Frage bleibt nur: allein gelassen worin? Zumindest den Beginn einer Antwort haben Eggers und Lanier gegeben: allein gelassen in der Möglichkeit, einen eigenen Willen, ein eigenes Selbst zu erhalten. In dieser Antwort steckt auch die Anwort auf die nächste Frage: wir brauchen die Privatsphäre, um wir selbst zu sein. Die traditionellen Freiheitsrechte schützen eine Freiheit, die nur durch Gewalt und Betrug verletzbar war. Das Recht auf eine Privatsphäre schützt eine Freiheit, die erst durch modernste Techniken verletzbar geworden ist.

Blicken wir noch schnell auf einen weiteren Argumentationsstrang zum Schutz der Privatsphäre, die neben den von Eggers und Lanier entworfenen schwarzen Utopien wie Farcen wirken. Um vor RFID-Transpondern zu warnen, winzigen Sendern, die man in Kleidern verstecken kann, stellte Debra Brown, Senatorin aus Kalifornien, bei einer Anhörung 2003 die rhetorische Frage: „Was würden Sie sagen, wenn Sie eines Tages entdeckten, daß Ihre Unterwäsche über Ihren Verbleib berichtet?“ Und die New York Times Kolumnistin Maureen Dowd bemerkte, „Big Brother technology“ sei „a complete anti-aphrodisiac“.

Ist der Schutz der Heimlichkeit des Sexuellen ein Menschenrecht? Fraglich. Browns und Dowds Verteidigung eines solchen Rechts verdeckt, worum es beim Schutz der Privatsphäre geht: um den Schutz des individuellen Selbst.

Ulrich Steinvorth ist Emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Hamburg.

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