Meinung : Zweierlei Maß

„Mit Vergangenheit“ von Lorenz Maroldt vom 27. Mai

Seine an den SED-Staat angepasste Habilitationsschrift disqualifiziert Olbertz anno 2010 nicht als Universitätspräsident. Vor allem Geisteswissenschaftlern blieb in der DDR nichts anderes übrig, als mit den Wölfen zu heulen. Ganz anders war es in der Bundesrepublik. Und so ist vor allem westliche Kritik an Olbertz verlogen: Hierorts gab es zahlreiche Wissenschaftler, die noch 1989 dafür eintraten, DDR-Verhältnisse in ganz Deutschland einzuführen. Mitglieder von DKP, SEW, Spartakus oder ADSen hat man danach aber keinen Evaluationen unterworfen und keine Selbstkritik eingefordert. Im Gegenteil: Sie wurden nach der Wiedervereinigung gern auch an die HU berufen, waren auf der Funktionärsebene von Verdi und der GEW höchst willkommen, ohne dass es je kritische Anmerkungen oder gar Debatten gab. Solange derart mit zweierlei Maß gemessen wird, hat dieses Land in der Tat „zwanzig Jahre lang vergebens an seiner Einheit gearbeitet“.

Bernd Balzer, Berlin-Lichtenrade

Ich habe als Mitglied der Findungskommission an den ersten Gesprächen mit Herrn Olbertz teilgenommen. Er hat uns von Anfang an in jeder Hinsicht überzeugt. Was ich an Auszügen der Dissertation und Habilitation von Olbertz gelesen habe, ist moderat im Vergleich zu den neomarxistischen Tiraden, die in den Siebzigern und Achtzigern an westdeutschen Universitäten den politischen Diskurs bestimmten. Sie wurden von vielen vertreten, die heute in Politik, Publizistik und Wissenschaft führende Rollen einnehmen. Niemand von ihnen hat sich je für die systematische Denunziation der freiheitlich-demokratischen Grundordnung als repressive Form bürgerlicher Herrschaft oder die Verklärung von Mao und Pol Pot zu revolutionären Lichtgestalten rechtfertigen müssen. Mittlerweile leben wir in einer politischen Kultur, wo in Sachen Afghanistan und Finanzkrise immer wieder dieselben Beschwörungsformeln als alternativlose Strategien dargestellt und von Wissenschaft wie Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert werden. Bei so viel freiwilligem Mitläufertum haben wenige das Recht, Steine auf jemanden zu werfen, der sich in einem auch vom Westen als dauerhaft akzeptierten „Realen Sozialismus“ durchlavierte. Richard Schröder gehört zwar sicher dazu, beschädigt aber durch unkonstruktive Besserwisserei nur seine Alma Mater.

Andreas Griewank, HU, Berlin-Mitte

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