Meinung : Zweifel am chinesischen Jahrhundert

Vorhersagen über Pekings zukünftige Macht sind voreilig

Alexander Gauland

Wenn der alte Adenauer die vom kommunistischen Russland ausgehende Gefahr noch einmal potenzieren wollte, pflegte er die Deutschen düster drohend mit dem Satz „Ich sage nur China“ zu erschrecken, ganz wie weiland Wilhelm II. die gelbe Gefahr beschwor. Heute hat dieses Szenario einer merkwürdigen Schizophrenie Platz gemacht, die man wieder während des Merkel-Besuches in Peking besichtigen konnte. Da werden auf allen Kanälen die ungeheuren Erfolge Chinas beschworen und die Zahl der ausgebildeten Ingenieure, der geleisteten Arbeitsstunden und der geklauten Patente in die Zukunft verlängert und auf diese Weise die Weltmacht des 21. Jahrhundert extrapoliert. Doch da man dem Volk irgendeine Hoffnung lassen muss, werden wir aufgefordert, künftig klüger, schneller und damit besser zu sein und also Masse und Zahl durch Qualität wettzumachen.

Was natürlich kompletter Unsinn ist. Denn sollte es China wirklich gelingen, bruchlos unsere Standards zu erreichen, steigt es zur alles dominierenden Macht auf, gegen deren pure Größe alle europäischen Versuche, ein wenig besser sein zu wollen, so hilflos wirken wie Venedigs Versuche im 18. Jahrhundert, die europäischen Machtstaaten Frankreich, Russland, Österreich und England auszubalancieren. Schließlich ist ein Chinese nicht weniger wert als ein Deutscher, Engländer oder Franzose. Wenn es denn so kommt, bestimmt China künftig, wie unsere Enkel leben und arbeiten werden. Ja wenn! Denn Geschichte verläuft selten geradlinig auf den Schienen ökonomischer Vorhersagen.

Im Jahre 1913 verkündete der philosophisch gebildete Wirtschaftsfachmann Walter Rathenau, dass ein großer Krieg nicht mehr möglich sei, da die wirtschaftlichen Interdependenzen zwischen den Staaten einen solchen nicht mehr zulassen, zu stark seien bereits die ökonomischen Verflechtungen. Ein Jahr später musste er die eigentlich unmögliche Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches organisieren. Wenn uns im Wettkampf mit China irgendetwas Trost spendet, dann wohl weder das „Mehr arbeiten und besser lernen“ des Heinrich von Pierer noch das „Alle Menschen werden Brüder“ von Claudia Roth, sondern die politisch inkorrekte Hoffnung auf wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten, die Chinas Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen.

Das Spannungsverhältnis zwischen kommunistischer Diktatur und liberaler Marktwirtschaft, die Gefahr des räumlichen Zerfalls, Versteppung, Vergreisung, Wanderarbeiter und soziale Explosionen, die schiere Unmöglichkeit, alle Probleme zu beherrschen, könnten den großen Sprung nach vorn zur mühsamen Bestandswahrung dämpfen. Denn in der Geschichte ist es bisher nur den Vereinigten Staaten gelungen, frühe Voraussagen ihrer Macht zu erfüllen, und das auch nur um Haaresbreite durch den Sieg des Nordens im Bürgerkrieg.

Welche Katastrophen die geschichtliche Entwicklung für China noch bereithält, vermögen heute weder die Marktliberalen noch die grünen Multikulturalisten vorherzusagen – darin liegt die Chance einer multipolaren Welt auch im angeblich chinesischen Jahrhundert.

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