Meinung : Zweifel vor dem zweiten Schritt

Clemens Wergin

Die Tage des Taliban-Regimes sind gezählt. Nach dem Fall von Kundus ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Kandahar, die Hochburg im Süden, fällt. Während jetzt der internationale Reparaturbetrieb anläuft, um die Flüchtlinge zu versorgen und Verletzte zu verarzten, richtet sich der Blick Amerikas auf "Phase 2" der Terrorbekämpfung: Ziele jenseits von Afghanistan.

Noch gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass bald mit einem Schlag etwa gegen den Irak zu rechnen ist. Doch in Saddam Husseins Reich richten sich die Menschen auf Luftangriffe ein. Man ist gewarnt. Dabei weiß die US-Regierung, dass sie sich mit einem Angriff auf den Irak viele Probleme einhandeln würde - selbst die engsten Verbündeten, die Briten, haben Bedenken angemeldet.

Auch wenn der Irak Terroristen Unterschlupf gewährt: Außer den Hinweisen auf ein Treffen Mohamed Attas mit irakischen Geheimdienstlern in Prag ist wenig bekannt geworden, was eine irakische Beteiligung an den Anschlägen von New York und Washington erhärten würde. Nach amerikanischer Lesart bedarf es dieses Beweises gar nicht. Nicht um Strafe, um Prävention gehe es im Falle des Irak. Politisch gesehen werfen Militäraktionen gegen den Irak jedoch einige Fragen auf: Zwar hatte der Sicherheitsrat den Krieg gegen Afghanistan nicht explizit gebilligt. Doch der Begriff der "Selbstverteidigung" in der entsprechenden Resolution schien das Vorgehen gegen die Taliban zu rechtfertigen, zumal die sich weigerten, bin Laden auszuliefern und dieser weitere Anschläge angedroht hatte. Im Irak jedoch liegen die Dinge anders: Zwar stellen Saddams B- und C-Waffenprogramme ein Risiko für die ganze Region dar. Doch es dürfte den Amerikanern schwer fallen, eine unmittelbare terroristische Bedrohung amerikanischer Bürger oder amerikanischen Territoriums nachzuweisen, die eine präventive Selbstverteidigung rechtfertigen würde.

Dazu kommt ein Imageproblem: Die arabischen Staaten haben sich bisher nur halbherzig der Anti-Terror-Koalition angeschlossen - mit Blick auf die eigenen Massen, die ihr antiamerikanisches Ressentiment pflegen und bin Laden teilweise wie einen Robin Hood des Orients verehren. Sollte Bush jetzt versuchen, Saddam zu beseitigen, würde er den Eindruck erwecken, dass er nur seinem Vater den Kopf des Erzfeindes auf einem Silbertablett präsentieren will.

Zudem ist unklar, was erfolgversprechender ist: Saddam Hussein gezielt auszuschalten und einen Bürgerkrieg zu riskieren, oder dem Diktator klar zu machen, dass seine Macht und sein Leben akut bedroht wären, sollten von seinem Land terroristische Anschläge ausgehen. So werden die Amerikaner vermutlich weiter die Opposition innerhalb des Regimes unterstützen. Ein Umsturz mit saudischer und amerikanischer Unterstützung war zwar 1996 gescheitert, 200 Offiziere wurden hingerichtet. Doch eine Absetzung Husseins durch seine nächste Umgebung ist erfolgversprechender als auf den Aufstand der schiitischen und kurdischen Minderheiten zu setzen, deren militärische Mittel begrenzt sind.

Zudem könnte die US-Regierung versuchen, auf die Sicherheitsrat-Resolutionen zur Terrorbekämpfung und zur Kontrolle der Massenvernichtungswaffen im Irak zu verweisen, um gezielt Ausbildungslager für Terroristen und Produktionsstätten für Bio- und Chemie-Waffen zu bombardieren. Das wären dann zwar kriegerische Aktionen. Ein umfassender Krieg aber wäre es nicht.

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