Meinung : Zweite Impfung

Antwort auf einen Leserbrief der Klasse 9 vom 12. Mai „Masern in Berlin“

Erst mal toll, dass ihr, liebe Schülerinnen, Zeitung lest und dann so genau und kritisch, dass ihr Ungereimtheiten bemerkt! Ihr habt vollkommen recht, wenn ihr nach den unterschiedlichen und sich teilweise widersprechenden Meldungen verwirrt seid. Aber die Widersprüche lassen sich vielleicht aufklären, ich will es versuchen: Ursprünglich (vor 1970) gab es keine geimpften Personen, so dass die hochansteckenden Masern schon im Kindesalter praktisch jeden Menschen befielen. Diese Menschen blieben und bleiben lebenslang immun, weswegen sie als Erwachsene nicht mehr erkranken. Für einige Kinder aber bedeutete die Erkrankung nicht nur Immunität, sondern Spätfolgen oder sogar den Tod. Nach Einführung der Impfung in der BRD in den 70er Jahren wurden im Laufe der Jahre immer mehr Kinder geimpft, dennoch lag der Anteil bis in die 90er Jahre in manchen Regionen nur zwischen 70 und 80 Prozent, so dass die Krankheit sporadisch immer weiter auftrat und sogar gelegentlich kleine Masernepidemien vorkamen. Dass in Berlin und Bayern weniger Kinder geimpft worden sein sollen als in Westdeutschland, halte ich übrigens für ein Gerücht und schon deshalb für unwahrscheinlich, weil ausgerechnet in diesen beiden Bundesländern die zwei (Kinder- und Jugend-)Ärzte tätig waren, die sich in der Bundesrepublik am meisten für Impfungen eingesetzt haben (Prof. Stickl und Prof. Stück).

Trotz der unzureichenden Impfquote gingen die Masern zurück, und damit sank natürlich auch die Zahl derjenigen Menschen, die nach durchgemachter Infektion eine lebenslange Immunität besitzen. In dieser kritischen Phase befinden wir uns jetzt immer noch: Zwar sind inzwischen weit über 95 Prozent aller Kleinkinder mindestens ein Mal geimpft, aber bei den älteren (nur ein Mal vor Jahrzehnten geimpften) Jahrgängen lässt die Immunität allmählich nach, und wenn sich diese Menschen bei aus welchen Gründen auch immer Ungeimpften/Erkrankten anstecken, dann können sie die Masern bekommen, obwohl sie geimpft sind. Fazit: Die Impfung schützt vor Masern, aber nicht absolut und lebenslang. Sie sollte nach Jahrzehnten erneuert werden, besonders dann, wenn man in einem Umfeld lebt, in dem Masern häufiger auftreten (z. B. Regionen mit vielen Impfgegnern oder Länder, in denen es keine Impfung gibt). Eine zweite Impfung von Kindern ist sinnvoll, weil mit ihr auch die Mehrzahl der Kinder geschützt werden, die bei der ersten Impfung keine Antikörper gebildet haben. Und: Mit konsequentem Impfen ist es selbst in großen Ländern dieser Erde (z. B. USA) gelungen, die Masern komplett zum Verschwinden zu bringen.

Birgit und Hansjörg Melcher,

Fachärzte für Kinder-

und Jugendmedizin, Bad Soden

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