Meinung : Zweite Reihe, erste Wahl

Axel Weber, der designierte Bundesbankpräsident, kann der Notenbank ein neues Profil geben

Dieter Fockenbrock

Kanzler Gerhard Schröder hat eine kluge Entscheidung getroffen – politisch wie fachlich. Axel Weber, der künftige Präsident der Deutschen Bundesbank, besitzt kein Parteibuch und gilt als ausgewiesener Experte für die internationale Währungspolitik. Der Überraschungskandidat findet Beifall bei der Opposition, in Finanzkreisen, und selbst die anderen Vorstandsmitglieder der Frankfurter Notenbank dürften an dem Kölner Wirtschaftsprofessor nichts auszusetzen haben. Kurzum: Mit Weber hat die Regierung die Idealbesetzung für den Chefposten gefunden und jedem Einspruch vorgebeugt.

Die Wunschkandidaten der Regierung, die Staatssekretäre Koch-Weser oder Tacke, kamen wegen ihrer Nähe zur SPD nicht in Frage, der Bundesbank-Vizechef Jürgen Stark hat das falsche Parteibuch, das der Opposition. Weber ist ein Kandidat aus der zweiten Reihe, aber nicht zweite Wahl. Er hat nur einen Fehler: Der Ökonom hat keine Erfahrung darin, eine Behörde mit 14 500 Mitarbeitern zu führen. Und schon gar nicht damit, eine so traditionsreiche Institution umzukrempeln. Nach der Einführung des Euro muss die Bundesbank gestrafft und verkleinert werden, sie muss sich auch eine neue Aufgabe suchen. Geldpolitik macht jetzt die Europäische Zentralbank (EZB), die Notenbanken der Euro-Länder haben ihre wichtigste Aufgabe verloren.

So hätte die Regierung jetzt auch einen namenlosen Verwaltungsbeamten engagieren können, der die Bundesbank auf eine nationale Abteilung der EZB reduziert, die im Auftrag des Staates die Gold- und Währungsreserven verwaltet und ansonsten die Direktiven der EZB ausführt. Dagegen hatte sich der gescheiterte Bundesbankpräsident Welteke immer gewehrt. Und deshalb kam auch der Umbau nach Einführung des Euro, der mit einem massiven Personalabbau verbunden ist, nur schleppend voran. Welteke hat es auch nicht vermocht, den Bundesbankern ein neues Ziel zu geben. Sein designierter Nachfolger nutzte dagegen gleich seinen ersten öffentlichen Auftritt dazu, eine neue Richtung vorzugeben. Weber will die Bundesbank zum Kompetenzzentrum für internationale Finanzmarktfragen entwickeln. Dass auf diesem Gebiet dringend etwas getan werden muss, steht außer Zweifel. Das zeigen die Börsen- und Bilanzskandale der vergangenen Jahre und der zu Recht kritisierte, unkontrollierte Einfluss der Finanzmärkte. Weber will der Bundesbank ein neues Profil geben – das wird seine wichtigste, aber auch seine schwerste Aufgabe sein.

Damit ist die Frage, ob der Kanzler sich einen Falken oder eine Taube als Notenbankchef ausgesucht hat, nicht beantwortet. Am Mittwoch in Berlin präsentierte sich Weber noch ganz als Wissenschaftler und sachverständiger Beobachter. Seine Zurückhaltung sollte nicht täuschen. Alle Bundesbank-Präsidenten sind mit ihrem Amt gewachsen.

Und was macht der düpierte Notenbankvize? Weil Stark zum zweiten Mal übergangen wurde, müsste er seine Demission einreichen. Es sei denn, Stark sitzt Rot-Grün aus und setzt auf das Wahljahr 2006. Dann wird eine maßgeschneiderte Aufgabe für Weber frei – der Job des Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank. Und der jetzt unterlegene Stark könnte mit Hilfe der Union doch noch den Chefsessel der Bundesbank erobern.

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