Meinung : Zwischen Eltern und Altern

Neujahrsbotschaften: Was Kirche und Kanzler uns abverlangen

Christoph Marschall

Wann hatte die Obrigkeit je so viel Vertrauen in die Bürger? Ob Kirche, ob Kanzler, in den Neujahrsbotschaften machen sie uns Mut, an die eigenen Kräfte zu glauben und dem Rückbau des Sozialstaats Positives abzugewinnen. Der Umbau müsse kein Abbau sein, tröstet der katholische Kardinal Lehmann; der evangelische Bischof Huber erwärmt sich für die Aufgabe, auch kleinere Kuchen fair zu verteilen. Und der Freiburger Erzbischof Zollitsch liefert die statistische Begründung: Keine Gesellschaft könne es sich auf Dauer leisten, ein Drittel des Sozialprodukts für soziale Transfers auszugeben; die Deutschen lebten über ihre Verhältnisse.

Mehr Selbstverantwortung, predigt ein einig Bündnis von Thron und Altar. Und dabei immer ein fröhlich Lied auf den Lippen – weniger Wut, Angst, Verärgerung, erbittet Bundestagspräsident Thierse. Fehlt nur noch, dass einer den Klassiker aller Optimismus- Ratgeber hervorkramt: Dale Carnegies „Sorge dich nicht – lebe!“ aus dem Jahr 1948.

Selbst der Kanzler ist zum solidarischen Teilen bereit, wenn es um die Frage geht, wem denn die Verdienste um den nun hoffentlich wirklich kommenden Aufschwung zustehen. Die Bürger selbst hätten es in der Hand, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Will heißen: Sie sollten endlich mal Portemonnaies öffnen und Sparbücher zücken und fleißig kaufen. 1998 noch reklamierte dieser Gerhard Schröder die letzte Konjunkturbelebung unter Helmut Kohl bereits für sich: Dieser Aufschwung ist auch mein Aufschwung. 2004 bietet er den Deutschen an: Dieser Aufschwung ist auch euer Aufschwung – wenn ihr nur wollt.

Doch können die Deutschen so viel Vertrauen in ihre Kräfte überhaupt verkraften? Wo ihnen doch bisher – ganz gegen Carnegie – geraten wurde: Gebt nicht so viel fürs Leben aus, sorgt vor! Fürs eigene Alter. Und für die Eltern (wenn die ein Pflegefall werden). Und jetzt sollen die Bürger auch noch für den Aufschwung sorgen, was doch bisher als Aufgabe von Wirtschaft und Politik galt?

Was also nun? Sorge nicht vor, lebe! Oder: Lebe nicht, sorge vor! Oder: Sorge vor und lebe! Da könnten viele Deutsche das Gefühl bekommen, das übersteige nun wirklich ihre Verhältnisse – alles gleichzeitig zu finanzieren: Aufschwung, Eltern und Altern.

Ist das ein Grund, warum die SPD so beständig unter ihren gewohnten Verhältnissen bleibt? Zum Jahreswechsel 27 Prozent.

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