Meinung : Zwischen Harvard und Gondar

Das Ausland lehrt die deutschen Universitäten vor allem eines: den Wert der Autonomie

Moritz Schuller

Für 500 Euro dürfte man in Harvard vier Tage lang studieren. An der Gondar-Universität in Äthiopien könnte man mit 500 Euro vermutlich eine Stiftungsprofessur ins Leben rufen. Und in Deutschland werden 500 Euro Studiengebühr so lange an der Lage der Universitäten nichts ändern, bis wir verstehen, dass unser Modell nicht Harvard oder Gondar heißt, sondern Humboldt. Wer Harvard will, muss auch 15 000 Dollar Studiengebühren pro Semester verlangen – oder sein Bildungsetat erhöhen.

Wie wenig die Politik das verstanden hat – und weiter mal von Eliten, mal von bildungsfernen Schichten schwadroniert –, zeigt ihre Deutung des Verfassungsgerichtsurteils: als Sieg oder Niederlage im Streit um die Hoheit über die Bildungspolitik. Im Urteil des Verfassungsgerichts liegt jedoch vor allem dann eine Chance, wenn dadurch die Autonomie der Universitäten gestärkt wird. Wenn die Studiengebühren nicht die Landeshaushalte entlasten, sondern den Spielraum der Hochschulen vergrößern, wenn der partei- oder landespolitische Einfluss, der sich heute bei jedem Berufungsverfahren widerspiegelt, zurückgedrängt wird. Dazu gehört gleichfalls die Professionalisierung der universitären Selbstverwaltung. Die hat nach einem Gutachten des Wissenschaftsrats in der Vergangenheit „versagt“.

Vergleicht man die deutsche Universität sinnvollerweise mit den öffentlichen Elitehochschulen der USA, wie etwa Berkeley, dann stößt man dort nicht nur auf eine von der Politik autonome Verwaltung, sondern auch auf eine elitäre Auslese der Studenten. Öffentlich heißt dort nicht: zugänglich für alle. Autonomie heißt auch dort: Auswahl der Besten.

Die Vorstellung, dass die Humboldt’sche Universität, für die die Einheit von Forschung und Lehre gilt, als Massenuni tauglich sei, hat sich als falsch erwiesen. Die Studiengebühr bietet also auch die Chance, die Unterfinanzierung der deutschen Universität zu verbessern. Auch hier zeigen sich im Vergleich mit den amerikanischen Privatuniversitäten Unterschiede: Der Harvardabsolvent verlässt die Universität in den meisten Fällen mit enormen Schulden. Das funktioniert, weil der Arbeitsmarkt ihnen das anspruchsvolle Harvardstudium honoriert. Für einen zweiten Abschluss, etwa einen MBA, gilt das in exponentieller Weise.

Auch in Deutschland rechnet sich ein Studium. Das Jahresbruttoeinkommen eines Abiturienten mit Hochschulabschluss liegt 46 Prozent über dem eines Abiturienten ohne Studium. Warum sollte ein Akademiker für den Vorteil, der ihm so erwächst, nicht auch einen Beitrag – in Form von Studiengebühren – leisten?

Schließlich stimmte die Vorstellung, dass ein Studium in Deutschland nichts kostet, noch nie: Bisher hat es sogar die etwas gekostet, die nie einen Hörsaal von innen gesehen haben, nämlich jeden Steuerzahler. Hinter der Finanzierung der deutschen Hochschulen steckt in gewisser Weise eine soziale Umverteilung von unten nach oben.

Anders als in Amerika unterscheiden sich in Deutschland jedoch die „Renditen“ der einzelnen Studiengänge außerordentlich: Ein Betriebswirt profitiert finanziell mehr von seinem Studium als ein Theologe oder ein Anglist. Eine nach Fächern differenzierte Studiengebühr kann so eine weitere Ungerechtigkeit lindern – indem sie jene stärker belastet, die später auch mehr von ihrem Studium haben. Aber auch eine solche Differenzierung ist nur denkbar, wenn die einzelnen Universitäten autonom über ihr Budget entscheiden dürfen.

Gerade in Deutschland, das im europäischen Vergleich zu wenige Akademiker produziert, könnte die Studiengebühr dazu führen, dass die Rendite des Studiums, die im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien eben auch hinterherhinkt, zunimmt. Die Gefahr liegt darin, dass der Staat sie nutzt, um sich weiter aus der Finanzierung der deutschen Hochschullandschaft zurückzuziehen. Doch aus das zeigt der Vergleich: Weder die privaten noch die staatlichen Eliteuniversitäten Amerikas kommen ohne öffentliches Geld aus: Sie ziehen nämlich jene Fördermittel an sich, mit denen der Staat universitäre Spitzenleistungen unterstützt.

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