ZWISCHEN Ruf : Ganz praktisch, so ein Praktikum

Als die "Generation Praktikum" ihr bemitleidenswertes Schicksal veröffentlichte, war die Empörung groß. Inzwischen hat sich die Lage entspannt, nur das Praktikum selbst ist ruiniert zurückgeblieben.

Ursula Weidenfeld

Wenn jemand zugeben muss, dass er zurzeit als Praktikant arbeiten muss, ist ihm das Mitleid der Freunde, Kollegen und Gesprächspartner gewiss. „Du Armer“, wird dann gesagt. Und gemeint ist: Wer ein Praktikum oder gar mehrere davon machen muss, wird ausgebeutet und schlecht behandelt. Entgegen allen freundlichen Worten hat niemand die ernsthafte Absicht, einen Praktikanten dann auch dauerhaft einzustellen.

Diese Sicht der Dinge hat sich in den vergangenen Jahren verfestigt. Als die „Generation Praktikum“ ihr bemitleidenswertes Schicksal veröffentlichte, war die Empörung groß. Junge Werbekaufleute mussten sieben, acht oder zehn Praktika machen und konnten sich nur mit der finanziellen Hilfe der Eltern über Wasser halten. Praktikanten in Architektenbüros und in Medienredaktionen mussten arbeiten wie die Großen und bekamen überhaupt keinen Lohn dafür. Praktikant zu sein, das wurde die neue Dauerdaseinsform des akademischen Proletariats. Inzwischen hat sich die Lage entspannt, die meisten der vermeintlichen Dauerpraktikanten haben anständige Arbeit gefunden.

Nur das Praktikum selbst ist ruiniert zurückgeblieben. Zusammen mit Schlagworten wie Niedriglöhner, Mindestarbeitsbedingungen und Aufstocker hat die Praxis des Praktikums dafür gesorgt, dass die tatsächlich Benachteiligten auf dem Arbeitsmarkt heute wieder schwerer in Arbeit kommen als zuvor. Das aber hat das Instrument des Praktikums nicht verdient. Denn Praktika sind der beste Weg für diejenigen, die sonst keine Chance bekommen. Bei Jugendlichen ohne Schulabschluss und bei älteren Arbeitnehmern ebnet eine freiwillige Übungszeit im Betrieb oft den Weg zu einer regulären Stelle. Ohne Schulabschluss und auch ein wohlmeinendes Zeugnis finden Jugendliche als Praktikanten schneller eine Lehrstelle, als wenn sie noch ein Schuljahr dranhängen oder in eine außerbetriebliche Berufsvorbereitungszeit gehen.

Wenn jetzt im Herbst vermutlich zum ersten und letzten Mal in diesem Konjunkturzyklus reichlich Lehrstellen, Berufseinsteigerstellen und schwer zu besetzende Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, wird sich das rächen. Diese Stellen werden eher unbesetzt bleiben, als mit Bewerbern gefüllt zu werden, die sich einem Praktikum verweigert haben.

Es ist höchste Zeit für eine neue Generation Praktikum. Allerhöchste Zeit.

1 Kommentar

Neuester Kommentar